Interviews

«Als Kind bin ich im Ozean mehrmals fast ertrunken!»

In «Cet été-là» von Eric Lartigau tauchen wir in das Leben der elfjährigen Dune ein. Lliana Doudot hat Eric Lartigau zum Interview getroffen.

Der französische Regisseur darüber, wie er unter 4000 Bewerbungen die wunderbare Rose Pou Pellicier ausgewählt hat, die die kleine Dune verkörpert und warum es für ihn sonnenklar war, dass es eine positive Lösung für alle im Film aufgeworfenen Probleme geben musste. Auch für Chiara Mastroianni, die es besonders toll fand, die lesbische und vegane Louise zu spielen.

Mit Eric Lartigau sprach Lliana Doudot

Nach «La Famille Bélier» und «#JeSuisLà» kehren Sie mit einer neuen dramatischen Familienkomödie, «Cet été-là», zurück. Wie kamen Sie auf die Idee, sich diesmal von der Graphic Novel «This One Summer» von Mariko und Jillian Tamaki inspirieren zu lassen, die sich auf eine Familie konzentriert, die durch einen geheimen Schmerz entfremdet wird?.
Ich rief Alain Attal an, mit dem ich schon lange zusammenarbeiten wollte. Ich bat ihn, sein Team auf eine Recherche anzusetzen, da ich mich noch einmal mit dem Thema Familie beschäftigen wollte, das ja ein wenig das Thema all meiner Filme ist. Eine seiner Assistentinnen brachte den Comic der Tamaki-Cousinen in Spiel, und ich bekam einen emotionalen Schock, als ich ihn las. Ich bat die Regisseurin Delphine Gleize sofort, mit mir zusammen das Drehbuch zu schreiben. Wir mussten die Gefühle, die wir damals beim ersten Lesen des Buches empfunden hatten, wiederfinden und sie für den Film in neue Bilder und Dialoge umsetzen, um uns den Weg dieses kleinen Mädchens vorzustellen, für das dieser Sommer anders als alle
anderen sein wird.

Der Film nimmt die Perspektive der elfjährigen Dune ein und erzählt von ihrem Übergang von der Kindheit zur Jugend, mit ihren sich ändernden Vorlieben, dem Auftauchen der Dramen der Erwachsenen und der Erkenntnis der Unvollkommenheiten in der Familie. War es schwierig für Sie, sich in die Rolle von Dune zu versetzen, als Sie das Drehbuch zu «Cet été-là» schrieben?
Ich habe mich auf meine Gefühle und vor allem auf meine Erinnerungen verlassen. Ich habe alle meine Kindheitsempfindungen wiedergegeben, indem ich eine freie Adaption der Graphic Novel gemacht habe. Die Eltern existierten zum Beispiel in der Graphic Novel praktisch nicht. Um zu verstehen, wie diese Kinder denken, fand ich es wichtig, dass wir wissen, woher sie kommen. In diesem Alter wird ihr Leben von den Beziehungen zu ihren Verwandten bestimmt, die sich direkt auf die Art und Weise auswirken, wie sie aufwachsen werden. Sie formen ihre Persönlichkeiten und bauen sich in Bezug auf die Familie auf, und ich fand es faszinierend, darüber zu schreiben.

«Cet été-là» spielt in Südfrankreich mit seinen wunderschönen Landschaften, warum haben Sie diese Region gewählt?
Weil es mein Zuhause ist, wo ich früher mit meiner riesigen Familie, die alle Generationen umfasst, meine Sommerferien verbrachte. Ich habe Delphine dorthin mitgenommen und dadurch konnte ich mich an die Erlebnisse erinnern, z. B. an den Wildschweinangriff, der mir wirklich passiert ist! Ich erinnerte mich auch an das Gefühl, das der Ozean hervorruft, der gefährlich und faszinierend zugleich ist ̶ als Kind wäre ich übrigens mehrmals fast darin ertrunken! Ich wollte auch den Gigantismus der endlosen Kiefernwälder wiedergeben, in denen man sich als Kind sehr leicht verirren kann.

Wenn man sich Ihren Film anschaut, hat man den Eindruck, dass die neunjährige Dune und ihre Freundin Mathilde reifer sind als die meisten Erwachsenen, da sie ihre Inkonsistenzen und Masken durchschauen. Ist der Film für Sie auch eine Ode an die Weisheit der Kindheit?
Ich weiss nicht, ob ich es Weisheit nennen würde, aber auf jeden Fall Reinheit. Denn in diesem Alter ist man ungefiltert, man findet seine Familien mit ihren Streitigkeiten der Grossen erbärmlich. Wenn Dune sieht, dass ihre Eltern sich plötzlich wie Kinder benehmen, fühlt sie sich weniger geliebt und das sagt sie auch laut und deutlich. Ich wollte also diese sehr reine Emotion, die mit den Problemen der Erwachsenen konfrontiert wird, wiedergeben.

Apropos Dune: Wie kam es zum Casting, um die hervorragende Rose Pou Pellicier zu finden, die diese Hauptrolle so treffend verkörpert?
Es war die Macht von Facebook, die uns Rose bescherte. Die Casting-Direktorin hatte eine Anzeige auf der Plattform veröffentlicht, und wir erhielten über 4000 Bewerbungen! Darunter auch Rose, obwohl sie noch nie zuvor in einem Film gespielt hatte. Ich machte mehrere Paare von kleinen Mädchen, um zu sehen, ob sie zusammen funktionierten, und brachte Rose sehr schnell mit Juliette zusammen. Ich hatte eine Endauswahl von fünf oder sechs Paaren getroffen, aber als ich mit Rose und Juliette filmte und mit ihnen sprach, wusste ich sofort, dass sie es waren. Das ging ziemlich schnell.

Wie hat sich die Arbeit mit den Kindern – Rose Pou Pellicier und Juliette Havelange als Mathilde – während der Dreharbeiten von der Arbeit mit Erwachsenen unterschieden?
Eigentlich ist es das Gleiche wie mit Erwachsenen. Wenn wir eine Szene mit acht Personen an einem Tisch drehen, werde ich mit jedem anders sprechen. Denn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin ist natürlich in erster Linie eine Persönlichkeit. Marina Foïs oder Chiara Mastroianni reagierten beispielsweise nicht auf die gleiche Weise auf meine Erklärungen. Man muss sich also anpassen, sowohl bei den Kindern als auch bei der übrigen Besetzung. Trotzdem hatte ich grosses Glück, mit diesen sehr intelligenten, lebhaften, neugierigen und zuhörenden kleinen Mädchen zu arbeiten. Wir hatten absolutes Vertrauen und unser Austausch war daher sehr natürlich.

Im Laufe des Films versteht man die Last der Trauer, einer Fehlgeburt, die Sarah, Dunes Mutter, in sich trägt. Haben Sie, als Sie am Drehbuch schreiben, schon an Marina Foïs als Protagonistin gedacht?
Ja, ich habe normalerweise schon beim Schreiben Schauspieler:innen im Kopf, und Marina Foïs hat sich mir für die Rolle der mit ihren Emotionen kämpfenden Mutter aufgedrängt, als sie an den Ort zurückkehrt, an dem ein Sommer zuvor offensichtlich etwas passiert ist. Es quält sie, es drängt sie viel mehr als erwartet und sie ist dann sehr ungeschickt und brüchig gegenüber ihrer Tochter. Diese Figur hat Marina Foïs bei der ersten Lektüre des Drehbuchs sofort gefallen.

Wie haben Sie die anderen Schauspieler:innen wie Gael García Bernal, Dunes Vater, Chiara Mastroianni, Mathildes Mutter, oder Angela Molina, ihre Grossmutter, ausgewählt?
Wie bei Marina habe ich mir beim Schreiben sofort Gael García Bernal und Chiara Mastroianni vorgestellt, Angela Molina kam mir erst etwas später in den Sinn. Chiara Mastroianni fand es besonders toll, die lesbische und vegane Louise zu spielen. Sie sagte mir, dass ihr so wenige komödiantische Rollen angeboten wurden, dass es ihr sehr viel Spass gemacht hat, diese Figur zu verkörpern. Bei den Dreharbeiten haben wir übrigens viel gelacht!

Technisch gesehen wechseln sich auf der Leinwand professionelle Kameraaufnahmen mit Amateurvideos ab, die Dune gedreht hat. Wie sind Sie während der Dreharbeiten vorgegangen, um diesen Effekt zu erzielen?
Das ist kein Trick! Es sind die Videos, die Rose während der Dreharbeiten mit einer kleinen Kamera aufgenommen hat. Die Aufnahmen wurden zu 80 % von ihr gemacht. Die anderen 20 % nahm ich mit der eigenen Kamera auf, um den Bildausschnitt etwas genauer zu bestimmen. Aber Rose verstand instinktiv die Richtungen, die ich ihr gab, z. B. auf eine bestimmte Person oder einen bestimmten Gegenstand näher zu zoomen. Sie zoomte wunderbar und brachte manchmal hübsche «visuelle Unfälle» zustande, auf die ich oder der Kameramann nie gekommen wären. Es gab also etwas sehr Reines und Instinktives in diesen Videos.

Ihr Film ist eine Hommage an die Kraft und Schönheit von Bindungen, ob in der Familie oder im Freundeskreis, trotz und gegen alle Probleme des Lebens. Hatten Sie seit Beginn des Drehbuchschreibens beschlossen, «Cet été-là» mit einer Note der Hoffnung, der heiteren Ruhe nach dem Sturm, abzuschliessen?
Ja, Delphine und ich waren uns absolut einig, dass es ein glückliches Ende geben musste. Denn in diesem Film geht es um die Suche dieser beiden kleinen Mädchen, die ständig alles lösen wollen, vor allem die Probleme der Erwachsenen. Das mag ich sehr an ihren Figuren, dass sie sich zuerst um andere kümmern, bevor sie sich um sich selbst kümmern. Daher war es für mich klar, dass es eine positive Lösung für alle im Film aufgeworfenen Probleme geben musste, sie mussten es schaffen, die Scherben am Ende wieder zusammenzusetzen. Und es ist ein wenig Dune zu verdanken, dass ihre Familie schliesslich wieder zusammenfindet, denn sie sagt die richtigen Worte zur richtigen Zeit, um die Eiterbeule zu öffnen, die ihre Eltern entfremdet hat. Die beiden erkennen, dass sie gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter weitermachen können.

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