À BOUT DE SOUFFLE gilt als Initialzündung der Nouvelle Vague und erinnert an eine Zeit, als Kino ein kollektives Erlebnis war. Eine Epoche, in der Filme nicht primär gefallen wollten, sondern herausforderten. Godards Erstling ist ein Kind dieser Zeit – und ihr Inbegriff. Wenn der Zürcher Filmverleih Filmcoopi den Klassiker jetzt wieder ins Kino bringt, dann wohl nicht aus Nostalgie allein, sondern wohl auch aus Überzeugung: Dieser Film gehört auf die grosse Leinwand. Und ins gemeinsame Erleben.
À BOUT DE SOUFFLE
In einer aufwendig restaurierten Fassung kehrt Jean-Luc Godards Debüt auf die grosse Leinwand zurück.
Was sind Jump Cuts?
Als Jump Cuts bezeichnet man abrupte Schnitte innerhalb derselben Einstellung, bei denen Zeit ausgelassen wird, ohne dass Ort oder Kameraperspektive wechseln. Bewegungen wirken dadurch ruckartig, Gespräche springen vorwärts, der filmische Fluss wird bewusst unterbrochen.
In À BOUT DE SOUFFLE setzte Jean-Luc Godard diese Technik radikal ein – teils aus praktischen Gründen, teils als ästhetische Entscheidung. Was damals als Regelbruch galt, wurde zu einem Markenzeichen der Nouvelle Vague. Die Jump Cuts verleihen dem Film seinen atemlosen Rhythmus und machen sichtbar, dass Kino hier nicht Illusion sein will, sondern Konstrukti

Der Moment, in dem Kino seine Form verlor – und gewann
Jean-Luc Godard kam nicht aus dem Studiosystem, sondern aus der Kritik. Als Autor der Cahiers du cinéma hatte er Filme seziert, geliebt, verworfen, bevor er selbst zur Kamera griff. Als À BOUT DE SOUFFLE im Frühjahr 1960 in die Kinos kam, wirkte der Film wie ein Störsignal im geregelten Ablauf des damaligen Kinos. Er erzählte, als wüsste er selbst noch nicht, wohin er wollte. Godard drehte auf den Strassen von Paris, mit Handkamera, natürlichem Licht und einem Minimum an Absicherung. Szenen wirken beiläufig, Dialoge wie hingeworfen, Übergänge werden gesprengt. Kino verlor seine glatte Oberfläche und gewann an Unmittelbarkeit. À BOUT DE SOUFFLE zeigte, dass Film nicht nur erzählen, sondern auch denken, stolpern und sich selbst infrage stellen kann.
Figuren ohne Halt – und ohne Absicherung
Im Zentrum stehen Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard und Jean Seberg als Patricia Franchini. Er ein Kleinganove mit grosser Pose, sie eine junge Amerikanerin in Paris, beobachtend, skeptisch, unabhängig. Ihre Beziehung ist kein romantisches Versprechen, sondern ein tastendes Nebeneinander. Gespräche windend sich, schweifen ab, verlaufen ohne klares Ziel, Gedanken bleiben offen, Entscheidungen sind brüchig. Godard interessiert sich nicht für psychologische Erklärungen. Ihn interessieren Haltungen, Blicke, Gesten – und das, was zwischen den Worten liegt. À BOUT DE SOUFFLE erzählt weniger eine Geschichte, als dass er einen Zustand einfängt: das Lebensgefühl einer Generation zwischen Freiheit, Orientierungslosigkeit und Selbstinszenierung.

Kino denkt über sich selbst nach
Schon in seinem Debüt macht Godard das Kino selbst zum Thema. À BOUT DE SOUFFLE ist durchzogen von Referenzen an den amerikanischen Gangsterfilm, an Literatur, an Philosophie und Popkultur. Humphrey Bogart wird zitiert, Zeitungen werden gelesen, Filme werden gedacht, während sie entstehen. Dieses Spiel mit Zitaten, Brüchen und Ebenen wurde zum Markenzeichen von Godards Werk. In den folgenden Jahren entstanden Filme wie VIVRE SA VIE, LE MÉPRIS, PIERROT LE FOU oder ALPHAVILLE, in denen er Erzählkino, politische Reflexion und formale Experimente miteinander verband. Später radikalisierte er diese Haltung weiter, hin zu essayistischen, zunehmend abstrakten Arbeiten, die das Kino selbst immer wieder infrage stellten. Und doch bleibt À BOUT DE SOUFFLE der Ursprung all dessen: roh, leicht, offen, ungeschützt.
Restauriert – und wieder sichtbar
Die nun gezeigte restaurierte Fassung schärft den Blick für die formalen Qualitäten des Films. Die Kontraste des Schwarzweissbildes, die Beweglichkeit der Kamera, der eigenwillige Rhythmus der Montage treten klar hervor. Der Film wirkt nicht geglättet, sondern präzise. À BOUT DE SOUFFLE gehört zu jenen Werken der Filmgeschichte, die man einfach gesehen haben muss.
Kino als gemeinsames Erlebnis
Filmcoopi bringt À BOUT DE SOUFFLE zurück, weil dieser Film daran erinnert, was Kino in den 1960er-Jahren war – und wieder sein kann: ein Ort des gemeinsamen Erlebens. Man sitzt nebeneinander im Dunkeln, fremd und doch verbunden, und teilt für zwei Stunden denselben Atem, dieselben Bilder, denselben Rhythmus. Kino war kein Nebenbei, sondern ein Ereignis. Diese Wiederaufführung ist dann vielleicht auch eine Einladung, das Handy wegzulegen, sich der Zeit zu überlassen und einzutauchen in ein Kino, das nach Rauch, Asphalt und Freiheit roch. In Godards Welt, in der Bilder denken, Schnitte stolpern dürfen und nichts geglättet ist. À BOUT DE SOUFFLE ist kein Denkmal – sondern ein Film, der lebendig wird, ganz besonders wenn man ihn gemeinsam sieht auf der grossen Leinwand im Kino.
PS: Auf das Rauchen muss man heute zwar verzichten – das Knutschen in den hinteren Reihen ist hingegen weiterhin erlaubt. 🙂
