Die Tellspiele Interlaken holen den Schweizer Nationalmythos zurück auf die Naturbühne – und stellen ihn zugleich radikal infrage. Wer also bei den Tellspielen Interlaken eine patriotische Heldengeschichte mit Armbrust, Apfel und Rütlischwur erwartet, dürfte überrascht werden. Unter dem Titel TELL UNSER HELD befragen Regisseur Urs Häberli und Co-Autorin Annemarie Regez Friedrich Schillers berühmtes Freiheitsdrama neu: Ist Tell tatsächlich der Befreier eines Volkes – oder ein Mann, der vor allem aus persönlicher Verletzung und Rache handelt?
Wilhelm Tell muss vor Gericht
INTERLAKENS TELL SEIT 1912
Die Tellspiele Interlaken gehen auf den Lehrer August Flückiger zurück, der um 1910 mit seiner Schulklasse Szenen aus Friedrich Schillers WILHELM TELL einstudierte. Am 19. Mai 1912 fand im Rugenwald die erste vollständige Freilichtaufführung statt. Nach längeren Unterbrüchen wurde 1930 der Tellspielverein gegründet; das 1950 errichtete Tellspieldorf prägt die Naturbühne bis heute. Mehr als ein Jahrhundert lang blieb Wilhelm Tell das zentrale Stück, bevor 2024 und 2025 erstmals ROBIN HOOD gespielt wurde. 2026 kehrt Tell nun nach Interlaken zurück.
EIN NATIONALMYTHOS KÄMPFT UMS PUBLIKUM
Die Tellspiele Interlaken stehen trotz ihrer langen Tradition wirtschaftlich unter Druck. In den besten Zeiten kamen jährlich rund 40’000 Besucher in den Rugenwald; seit dem 100-Jahr-Jubiläum 2012 gehen die Zahlen jedoch deutlich zurück. Für 2026 rechnet der Verein erneut mit einem Defizit von 60’000 Franken. Mit Mundartfassungen, einer verkürzten Version für Touristen und zuletzt ROBIN HOOD versuchten die Verantwortlichen, neues Publikum zu gewinnen. Der erhoffte Umschwung blieb jedoch aus. Gleichzeitig ist die Konkurrenz durch andere Freilichttheater und grosse Musicalproduktionen im Berner Oberland stark gewachsen. Zudem wird auch in Altdorf Schillers WILHELM TELL seit 1899 regelmässig aufgeführt. Während Interlaken mit zahlreichen Mitwirkenden, Tieren und Reiterei auf ein grosses Freilichtspektakel im Rugenwald setzt, spielt Altdorf im Tellspielhaus und deutet den Stoff in Tells vermeintlicher Heimat regelmässig mit neuen, oft zeitgenössischen Inszenierungen. Die feste Anlage in Interlaken mit ihren massiven Häusern und Ställen ist eindrucksvoll, verursacht aber hohe Unterhaltskosten und lässt sich nur begrenzt für andere Stoffe nutzen. Mit TELL UNSER HELD kehrt 2026 deshalb nicht nur Wilhelm Tell zurück – auch die Tellspiele selbst kämpfen um ihre Zukunft.
MANN DER WIDERSPRÜCHE?
Die Inszenierung 2026 der Tellspiele Interlaken will die Geschichte nicht als patriotische Legende erzählen. Regisseur Urs Häberli interessiert sich vielmehr für die Widersprüche der berühmten Figur. Wilhelm Tell erscheint nicht als überhöhter Nationalheld, sondern als Familienvater, Ehemann und Einzelgänger, der sich zunächst aus der Politik heraushält. Erst als die Willkür des Landvogts Gessler unmittelbar seine eigene Familie bedroht, wird er zum Handelnden.
HELD ODER RÄCHER?
Die berühmte Apfelschussszene bildet auch hier den dramatischen Höhepunkt. Tell soll einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiessen. Der Schuss gelingt, doch der zweite Pfeil, den Tell für Gessler vorgesehen hat, setzt eine Entwicklung in Gang, die schliesslich mit dem Tod des Landvogts endet. Damit stellt die Inszenierung eine bis heute spannende Frage: Befreit Tell mit seiner Tat tatsächlich ein Volk – oder handelt er in erster Linie aus persönlicher Verletzung und Rache? Ist er ein politischer Freiheitskämpfer oder ein Mensch, der auf eine unerträgliche Demütigung reagiert? Einfache Antworten soll es nicht geben. TELL UNSER HELD will den Mythos nicht zerstören, sondern ihn öffnen und neu befragen.
EIN GANZES VOLK AUF DER BÜHNE
Mehr als 100 Mitwirkende aus der Region stehen auf der traditionsreichen Naturbühne. Handwerker, Schüler, Bauern, Büroangestellte und Pensionierte werden zu Sennen, Familien, Untertanen und Freiheitskämpfer. Pferde, Kühe, Ziegen und die traditionsreiche Reiterei gehören ebenfalls zum grossen Freilichtspektakel. Diese Gemeinschaft ist für Urs Häberlis Inszenierung zentral. Aus einzelnen Menschen entsteht ein Volk, aus Nachbar eine Gemeinschaft, die sich gegen Unterdrückung zusammenschliesst. Auch sprachlich werden die Gegensätze sichtbar: Die Menschen der Waldstätten sprechen Schweizerdeutsch, die Vertreter der habsburgischen Herrschaft Hochdeutsch. Fremdherrschaft wird dadurch nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar. Die Tellspiele versprechen keine museale Geschichtsstunde, sondern ein bildstarkes Theater über Freiheit, Macht, Widerstand und Verantwortung.


