Sie proben, springen ein, verstärken, retten Programme – und werden oft beschämend schlecht entlöhnt: Freischaffende Berufsmusiker:innen tragen einen zentralen Teil der Schweizer Orchesterlandschaft, bleiben aber bei Lohn und Absicherung häufig auf der Strecke. Mit der neuen SMV-Tarifampelkarte schafft der Schweizerische Musikerverband Transparenz – setzt ein deutliches kulturpolitisches Zeichen und bringt damit ein heikles Thema auf die öffentliche Bühne.
Wie fair sind die Schweizer Orchester?
- Publiziert am 9. Januar 2026
Der Schweizerische Musikerverband legt mit seiner neuen «Tarifampelkarte» die Entlohnung freischaffender Musiker:innen offen.
Die Tarifampel: Grün, Orange oder Rot
Mit der SMV-Tarifampelkarte werden Orchester öffentlich nach ihrer Tariftreue eingeordnet:
Vollzeitberufsorchester
Grün bei 100 % Einhaltung des Tarifvertrags mit dem SMV, sonst Rot
Professionelle Teilzeit-/Projektorchester
Grün bei 100 % Einhaltung der SMV-Tarifordnungen
Orange bei 75–99 %
Rot unter 75 %
Ein Pluszeichen (+) im Symbol zeigt zusätzliche Leistungen an – etwa Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Transparenter lässt sich Tariftreue kaum abbilden.
Eine reiche Orchesterlandschaft – mit blinden Flecken
Die Schweiz verfügt über eine beeindruckende Vielfalt: Neben 13 Vollzeitberufsorchestern existieren zahlreiche professionelle Teilzeit- und Projektorchester. Ohne freischaffende Musiker:innen – Zuzüger:innen, Aushilfen, Verstärkungen – wäre dieses System nicht denkbar. Während Festangestellte durch Gesamtarbeitsverträge geschützt sind, geraten freischaffende Einsätze zunehmend unter Druck: sinkende Honorare, fehlende Spesen, keine Ferienentschädigung.
Dumping statt Wertschätzung
Beim SMV häufen sich Meldungen über Dumpinghonorare – ausgerechnet in Städten mit hohen Lebenshaltungskosten und bei Orchestern, die von Lotteriefonds oder grossen Sponsor:innen profitieren. CHF 125 für eine dreistündige Probe oder CHF 150 für ein ganzes Konzert, inklusive individueller Vorbereitungszeit, ohne Spesen und ohne obligatorische Ferienzulage, sind keine Ausnahmen. Für hochqualifizierte Musiker:innen mit Hochschulabschluss ist das ein alarmierendes Signal – und Ausdruck mangelnder Wertschätzung.
Erstaunlich: Das kommerziellste der geprüften Orchester, das auf Filmmusik spezialisierte 21st Century Orchestra, bildet dabei das schändliche Schlusslicht. Gerade mal zu beschämenden 40 % werden die Regeln einer fairen Entlohnung eingehalten. Generell schneidet Luzern schlecht ab, so sind es beim Collegium Musicum der Jesuitenkirche Luzern 45 %, beim City Lights Orchestra 46 %.
Kulturpolitik trifft Realität
Die Veröffentlichung der Tarifampelkarte fällt nicht zufällig in die laufende Kulturbotschaft 2025–2028 des Bundes, die eine angemessene Entschädigung von Kulturschaffenden als zentrales Ziel festschreibt. Auch der Nationale Kulturdialog fordert mehr Professionalisierung und Anerkennung künstlerischer Arbeit. Das Tool macht sichtbar, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen – und wo Orchester Verantwortung übernehmen. Die SMV-Tarifampelkarte ist somit mehr als ein Rechentool.
Sie ist ein kulturpolitisches Instrument, das Druck erzeugt, Diskussionen anstösst und Musiker:innen stärkt. Vor allem aber erinnert sie daran, dass musikalische Exzellenz nicht auf Selbstausbeutung beruhen darf. Transparenz ist der erste Schritt zu Fairness. Jetzt liegt es an den Orchestern – und an der Kulturpolitik –, aus Rot wieder Grün zu machen.