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Zuger Kirschtortenmuseum | Treichler

Die spannende Erfindungsgeschichte der Zuger Spezialität in einer historischen Ausstellung mit doch über 200 Exponaten

Die Zuger Kirschtorte gehört zum «kulinarischen Erbe der Schweiz» und ist ein wichtiges Stück Zuger Kulturgut. Eine kleine museale Installation bei Treichler, dem Erfinderhaus der Zuger Kirschtorte, zeigt originale Exponate, Dokumente und Bilder aus der 100-jährigen Geschichte der Zuger Kirschtorte in Form einer künstlerischen Installation. Ausgestellt ist auch ein originales Seidenkleid von Hollywoodstar Audrey Hepburn, die in den 1960er-Jahren Stammkundin war und regelmässig einkaufte.

Hollywood-Schauspielerin Audrey Hepburn, Komiker Charlie Chaplin, der Fürst von Liechtenstein, General Henri Guisan oder der britische Premier Winston Churchill gehörten zu den Geniessern der Zuger Chriesiwassertorte. Letzterer soll 1946, am Vorabend seiner berühmten Rede an der Universität Zürich, bei der er die Schaffung der «Vereinigten Staaten von Europa» vorschlug, zusammen mit dem Zuger Bundesrat Philipp Etter ein Stück «Tourte au Kirsch à la zugoise» gegessen haben. In den Vatikan werden regelmässig Torten verschickt, die für das katholische Oberhaupt bestimmt sind. Papst Franziskus ist ein erklärter Fan des Kirschgebäcks.

Ein Konditor schreibt Geschichte

Der Konditor Heinrich Höhn erfand 1915 die Zuger Kirschtorte, nachdem er zwei Jahre an der richtigen Rezeptur einer mit Kirsch getränkten Torte herum getüftelt hatte. In der Stadt Zug kursieren diverse, teilweise recht abenteuerliche Anekdoten über die Entstehung der Zuger Kirschtorte. Inspiriert wurde Höhn von den hervorragenden Kirschwassern der Region Zug. 1913 eröffnete Heinrich Höhn zusammen mit seiner Frau Hanna die «Conditorei u. Caffee H. Höhn» im Haus «Zur Spindel» an der Alpenstrasse 7 im Neustadtquartier, nahe beim Zuger Bahnhof und in unmittelbarer Nachbarschaft zu berühmten Kirschbrennereien in der Stadt Zug. Das erste Werbeinserat für die neue «Zuger Kirschtorte» erschien bereits an Weihnachten 1915 in der «Zuger Zeitung», weshalb dieses Jahr als offizielles Erfindungsjahr gilt. 1917 lag dann die ursprüngliche Torte mit der heutigen Struktur, nämlich zwei Japonaisböden und einer dazwischen liegenden, mit Kirschsirup getränkten Biskuitschicht, vor. Angelockt durch Inserate in der Neuen Zürcher Zeitung kamen nach 1918 die ersten Automobilisten auf ihren in die Mode gekommenen Ausflügen bis nach Zug, um Kirschtorten zu probieren oder als Spezialität zu kaufen. 1919 zog Höhn in ein grösseres Lokal um, ins benachbarte Haus «Merkur» am Bundesplatz 3 in Zug. Das Kirschtortenrezept wurde dort bis 1921 weiter ausgereift und verfeinert.

Streit um die «echten Zuger Kirschtorte»

1922 liess Höhn die Zuger Kirschtorte beim Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum mit der Schutzmarke Nr. 51922 und dem blauen Band schützen. Aus dieser Zeit stammen auch eine originale Handskizze des Tortendekors mit dem typischen Rautenmuster sowie eine reich illustrierte Original-Verpackung für den Versand der delikaten Zuger Spezialität. Die Zuger Kirschtorte trat daraufhin ihren Siegeszug rund um die Welt an und wurde u.a. 1923 in Luzern mit der Goldmedaille und 1928 in London mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Es folgten weitere Goldmedaillen 1930 in Zürich, 1935 in Zug, 1938 in Luxemburg, 1954 und 1975 in Bern und 1964 an der Expo.64 in Lausanne. Zu Ehren des Kirschtorten-Erfinders komponierte Fritz Mensik, ein periodisch in Zug gastierender Wiener Salonmusiker, den «Zuger Heiri-Höhn-Marsch». Bald schon stellten auch Höhns Konkurrenten eigene Kirschtorten her. In den 1930er-Jahren war Höhn gezwungen, gerichtlich gegen den illegalen Verkauf von angeblich «echten Zuger-Kirschtorten-Rezepten» bzw. gegen die missbräuchliche Verwendung des Begriffs der «echten Zuger Kirschtorte» vorzugehen. Der Erfinder übergab das erfolgreiche Geschäft samt den Torten-Schutzrechten 1943 seinem ehemaligen Chefkonditor Jacques Treichler, der in Spitzenzeiten 100’000 Kirschtorten pro Jahr produzierte. 1970 übernahm sein Sohn Erich Treichler die Konditorei, ab 1989 führte dessen Frau Madeleine die Firma weiter. Seit 2004 gehört der Betrieb der «Treichler Zuger Kirschtorten AG».

Kulinarisches Erbes der Schweiz

Das Rezept der handgefertigten Zuger Kirschtorte hat sich seit ihrer Erfindung stetig verändert. Einerseits wurden gewisse Zutaten ersetzt, andererseits gab es auch Optimierungen in der Produktion. Die bedeutendste Veränderung betrifft die Menge des Kirschs. Zur Zeit Höhns verwendete man Alkohol in Torten eher als Aromastoff und nicht als wesentlichen Bestandteil einer Torte. Mit der Zeit stieg der Anteil des Kirschs kontinuierlich an, heute macht er einen wichtigen und typischen Teil der Torte aus. Das Originalrezept von Höhn ist nicht handschriftlich überliefert, wohl aber eine Abschrift mit einem detaillierten Beschrieb der Tortenherstellung in den 1930er-Jahren. Das Kirschtortenrezept im 1933 erschienenen Kochbuch der Zuger Koch- und Haushaltungsschule «Salesianum» gilt heute als älteste publizierte Überlieferung. 2008 wurde die Zuger Kirschtorte offiziell ins Inventar des kulinarischen Erbes der Schweiz aufgenommen. Zur Förderung der Zuger Kirschtorte ist 2010 die «Zuger Kirschtorten Gesellschaft», der Zusammenschluss aller Zuger Kirschtortenproduzenten, gegründet worden. Der neue Verein hat das Ziel, die Kirschtorte als wichtiges historisches Kulturgut zu bewahren und damit das Image des Kantons Zug zu fördern. Und 2011 wurde der Kirschenanbau im Kanton Zug im Rahmen der UNESCO-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes offiziell in der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz vermerkt. Seit 2015 geniesst die «Zuger Kirschtorte» einen besonderen Schutzstatus (GGA/IGP Indication Géographique Protégée), der garantiert, dass die Kirschtorte im Kanton Zug hergestellt wird und ausschliesslich AOP-Kirsch aus der Region Zug-Rigi enthält.

Hepburns guilty pleasure

Die berühmte Hollywood-Schauspielerin Audrey Hepburn gilt wohl als charmanteste Liebhaberin der Zuger Kirschtorte. Zwischen 1954 und 1968 weilte sie regelmässig auf dem Bürgenstock NW oberhalb des Vierwaldstättersees. Zusammen mit ihrem Ehemann und Schauspieler Mel Ferrer bewohnte die britisch-niederländische Stilikone die «Villa Bethania» bei der exklusiven Hotelanlage. Als Hepburn eine Zahnbehandlung machen sollte, empfahl ihr Fritz Frey, umtriebiger Hotelier des Bürgenstocks, einen befreundeten Zahnarzt in Zug. So kam es, dass sich Audrey Hepburn ab 1964 durch den Sohn des Zahnarztes im grünen Mini vom Bürgenstock nach Zug chauffieren liess, um ihren Termin bei Dr. Max Stocklin an der Bahnhofstrasse 24 wahrzunehmen. Je nach Eingriff sah sich Hepburn veranlasst, Medikamente in der nahen Apotheke Spillmann an der Bahnhofstrasse 11 gegen Zahnschmerzen zu besorgen. Schliesslich belohnte sich die Schauspielerin mit dem Kauf einer Zuger Kirschtorte in der Konditorei Treichler am Bundesplatz 3. Der zierliche Filmstar genoss das edle Dessert nicht nur gerne selbst, sondern verschenkte es auch als typisches Zuger Mitbringsel an ihre Freunde und Bekannte. Die wiederholten Spezialbehandlungen des Zuger Zahnarztes waren indes für die ganze Welt sichtbar: Im Film «Charade» von 1963 besass Audrey Hepburn noch eine kleine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, bei der berühmten Musicalverfilmung «My Fair Lady» von 1964 war diese auf wundersame Weise verschwunden.

Text: Ueli Kleeb/Zuger Kirschtorten Gesellschaft

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