Die Stadt Zürich überträgt die Eigentumsrechte an elf Objekten aus dem ehemaligen Königreich Benin an Nigeria. Die Werke, die während der Kolonialzeit nach Europa gelangten, besitzen für das heutige Nigeria und die Nachkommen des Königshauses von Benin grosse kulturelle und spirituelle Bedeutung. Zürich reagiert damit auf eine breite internationale Bewegung und setzt gleichzeitig auf Dialog.
Zürich gibt Benin-Schätze zurück
- Publiziert am 17. März 2026
Elf Kunstwerke aus dem Museum Rietberg gehen nach Nigeria – ein historischer Schritt der Restitution.
Restitution nach Nigeria: Rückgabe trotz massiver Menschenrechtsprobleme?
Das Museum Rietberg gibt geraubte Benin-Objekte zurück –an einen Staat, in dem gleichzeitig gravierende Menschenrechtsverletzungen dokumentiert sind: Terror durch Boko Haram und andere Milizen, Massaker an Zivilist:innen, Massenentführungen von Schulkindern, Polizeigewalt, Folter, aussergerichtliche Tötungen, Verfolgung von LGBTQ-Personen, Todesstrafe, extreme Korruption – und in vielen Regionen auch systematische Unterdrückung von Frauen: Frühverheiratung, sexualisierte Gewalt, eingeschränkter Zugang zu Bildung und wirtschaftlicher Selbstständigkeit sowie unzureichender staatlicher Schutz.
Ist es klug, Kulturgüter in ein solches Umfeld zu überführen?
Die Alternative wäre allerdings ebenso heikel: Wenn europäische Museen Rückgaben von der aktuellen politischen oder menschenrechtlichen Lage abhängig machen, entscheiden sie weiterhin darüber, wer sein eigenes kulturelles Erbe «verdient» – ein koloniales Machtgefälle in neuer Form.
Die entscheidende Frage bleibt daher pragmatisch: Werden die Objekte öffentlich zugänglich sein, professionell geschützt und tatsächlich der Gesellschaft dienen oder in staatlichen Depots und Machtstrukturen verschwinden? Restitution löst kein einziges Menschenrechtsproblem, sie verschiebt nur Verantwortung.
Die Debatte sollte nicht enden bei «zurückgeben oder behalten», sondern beginnen bei: Wer garantiert Transparenz, Zugang und Schutz für Menschen ebenso wie für Kunstwerke?
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
Späte Rückgabe nach kolonialer Plünderung
Die Entscheidung folgt einem offiziellen Restitutionsantrag Nigerias aus dem Jahr 2024. Historisch gehen die Objekte auf den britischen Angriff auf Benin im Jahr 1897 zurück, bei dem der Königspalast geplündert und Tausende Artefakte – darunter die berühmten Benin-Bronzen – nach Europa gebracht wurden. Zürich reagiert damit auf eine breite internationale Bewegung: Bereits Deutschland, die Niederlande und mehrere Universitäten haben in den letzten Jahren Benin-Werke restituiert. Auch andere Schweizer Institutionen beteiligen sich; parallel geben das Völkerkundemuseum der Universität Zürich und das Musée d’ethnographie de Genève Objekte zurück.
Dialog statt endgültiger Trennung
Nicht alle Werke verschwinden aus Zürich: Einige sollen künftig als Leihgaben im Museum Rietberg bleiben, um ihre Geschichte weiterhin sichtbar zu machen und den kulturellen Austausch mit Nigeria zu stärken. Die übrigen Objekte werden voraussichtlich im Sommer nach Nigeria überführt. Die Rückgabe gilt als wichtiger Schritt der historischen Aufarbeitung kolonialer Gewalt und als Signal internationaler Verantwortung. Gleichzeitig ermöglicht sie Nigeria, sein kulturelles Erbe wieder selbst zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln.