Unsere Hände sind wahre Wunderwerke. Sie erschaffen Kunst, verrichten Arbeit, vermitteln Gefühle und erzählen Geschichten, oft ganz ohne Worte. Doch welche Bedeutung haben sie noch in einer Welt, in der Roboter immer geschickter und Maschinen immer intelligenter werden? Das Gewerbemuseum Winterthur widmet sich mit der Ausstellung «Hands-on» einem unserer faszinierendsten Körperteile. Internationale Kunstpositionen, überraschende Designexperimente, Robotik und zahlreiche interaktive Stationen laden dazu ein, die eigenen Hände neu zu entdecken – und selbst Hand anzulegen.
WAS KÖNNEN UNSERE HÄNDE, WAS MASCHINEN NICHT KÖNNEN?
Ein dritter Daumen? Warum eigentlich nicht!
Was wäre, wenn wir plötzlich einen zusätzlichen Daumen hätten? Die britische Designerin Dani Clode hat mit ihrem «Third Thumb Project» genau das ausprobiert. Ihr künstlicher Zusatzdaumen erweitert die Möglichkeiten der menschlichen Hand und wirft Fragen auf: Wo liegen die Grenzen unseres Körpers? Und müssen wir sie überhaupt akzeptieren? Auch die Robotik des ETH Soft Robotics Labs zeigt, wie verblüffend weit die technische Nachahmung menschlicher Bewegungen inzwischen reicht. Doch die Ausstellung interessiert sich ebenso für jene Menschen, deren Hände nicht der vermeintlichen Norm entsprechen. Linkshänder, ältere Menschen und Personen mit Behinderungen erleben täglich, wie sehr unsere gestaltete Umwelt auf eine standardisierte Hand ausgerichtet ist. Die Schau macht deutlich, dass technischer Fortschritt nicht allein eine Frage der Leistungsfähigkeit ist, sondern auch der Zugänglichkeit.
Was Hände erzählen, ohne ein Wort zu sagen
Ein Händedruck kann Vertrauen schaffen, eine erhobene Faust Widerstand ausdrücken, eine zärtliche Berührung mehr sagen als tausend Worte. Hände sind unser unmittelbarstes Kommunikationsmittel. Der amerikanische Fotograf Richard Renaldi bringt in seiner Serie «Touching Strangers» wildfremde Menschen dazu, sich für ein Porträt körperlich nahezukommen. Dabei entstehen intime Begegnungen. Harun Farockis Film ÜBERTRAGUNG wiederum untersucht die Bedeutung von Berührungen und Gesten in Ritualen. Und während wir auf unseren Smartphones digitale Herzen und winkende Hände verschicken, stellt sich eine philosophische Frage: Kann virtuelle Nähe echte Berührung ersetzen? Auch die Spuren unserer Hände werden sichtbar – etwa in Julia Chamberlains «Touch Archive», das anhand von Fingerabdrücken auf Smartphones unsere täglichen Gewohnheiten dokumentiert.
Hier darf ausdrücklich angefasst werden
Anders als in vielen Museen ist Berühren hier nicht verboten, sondern ausdrücklich erwünscht. An zahlreichen Stationen können Besucher:innen ihre Geschicklichkeit testen, mit Schatten Figuren zum Leben erwecken oder sich an einem chirurgischen Übungsinstrument versuchen. Auch das Handwerk erhält eine Bühne: Eine Uhrmacherin repariert Uhrwerke, ein Designer fertigt Matratzen aus recycliertem Rosshaar, ein Tänzer führt in die Kunst virtuoser Fingerbewegungen ein. Das Publikum erlebt, welches Wissen in unseren Händen steckt und wie viel Erfahrung es braucht, um scheinbar einfache Tätigkeiten zu beherrschen. In einer Zeit, in der wir immer mehr Aufgaben an Maschinen delegieren, erinnert «Hands-on» daran, dass wir die Welt nicht nur mit dem Kopf verstehen. Wir müssen sie manchmal buchstäblich begreifen.