Die Kulturstiftung Nova Fundaziun Origen lädt in Mulegns zu baukulturellen Führungen, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ortes miteinander verweben - vom traditionsreichen Post Hotel Löwe über den visionären 3D-gedruckten Weissen Turm bis zur Weissen Villa in der einst ein Zuckerbäcker-Museum entstehen soll. Sandro Pirovino, Projektkoordinator bei Origen, hat arttv.ch auf einen Rundgang mitgenommen.
Mulegns erleben: Baukultur-Führung durch Post Hotel Löwe, Weissen Turm und Weisse Villa
Ein fast vergessenes Bündner Bergdorf wird zur Bühne für Architektur, Geschichte und Zukunftsvisionen.
Mulegns – Eine kulturelle Schatzkammer
Die karge Landwirtschaft, der alte Passverkehr und die grosse Emigrationsgeschichte haben den Ort geformt. Pfarrhaus und Dorfkirche erzählen vom Reformdrang der Kapuziner. Zuckerbäckervillen und Bauernhäuser prägen das Ortsbild, das gar von nationaler Bedeutung ist. Ein grosszügiges Hotelquartier zeugt vom alten Pioniergeist und frühen Tourismus.
Post Hotel Löwe – Die Welt rastet in Mulegns
Das Post Hotel Löwe gehört zu den ältesten und besterhaltenen Hotelbauten des Kantons Graubünden. Vor gut fünf Jahren hat Origen das Post Hotel Löwe erworben. Ermutigt durch den Wakkerpreis hat die Stiftung begonnen, das ehrwürdige Haus zu renovieren. Unzählige Spenden haben dazu beigetragen, Dächer und Fassaden zu sanieren, Innenräume zu gestalten, die Haustechnik zu erneuern. Das frisch renovierte Hotel Löwe verfügt aktuell über sieben Zimmer und Suiten, die umfassend saniert wurden. Der weltberühmte Designer Martin Leuthold hat sich von den historischen Gästebüchern inspirieren lassen und jeden Raum einer europäischen Metropole gewidmet – als Hommage an die weitgereisten Gäste früherer Jahrhunderte. Im Rahmen der Führungen wird deutlich, dass es hier nicht nur um schöne Stuckdecken oder historische Salons geht, sondern um Identität: Wie viel Geschichte trägt ein Haus? Und wie kann man sie bewahren, ohne sie museal erstarren zu lassen?

Weisse Villa – Die Zuckerbäcker kehren zurück
Wer durch die elegante Weisse Villa geführt wird, betritt ein Stück Bündner Migrationsgeschichte. Graubünden war arm. Über viele Jahrhunderte mussten Bauernkinder auswandern und ihr Brot in der Fremde verdienen. Sie arbeiteten als Söldner, Architekten, Stuckateure, schliesslich als Zuckerbäcker in den Metropolen Europas – so auch Jean Jegher aus Mulegns. Jegher war in Bordeaux als Zuckerbäcker tätig und hatte sich ein beträchtliches Vermögen aufgebaut. Auf seinen Lebensabend hin, liess er sich 1856 von einem berühmten französischen Architekten eine stattliche Villa in seinem Heimatdorf bauen. Der Bau der Weissen Villa begründete das spätklassizistische, elegante Quartier am Mulegnser Fallerbach – wobei die aktuellen Farbuntersuchungen ergeben haben, dass die Weisse Villa ursprünglich nicht weiss gewesen war (die bunten Baublachen weisen augenzwinkernd auf diese Tatsache hin). In der Weissen Villa soll künftig ein Zuckerbäckermuseum, ein Café und eine Bäckerei installiert werden. Ziel ist eine vitale Hommage an jenes Handwerk, das den Bündner Pâtissiers im Ausland Berühmtheit verschaffte.
Tor Alva – Die Zuckerbäckerkunst der Zukunft
Mit der Tor Alva, dem Weissen Turm von Mulegns, setzt Origen ein weithin sichtbares Zeichen. Die Turminstallation, die zusammen mit der ETH Zürich, den Bauunternehmen Uffer Gruppe und Zindel United sowie dem Ingenieurbüro Conzett Bronzini Partner AG realisiert wurde, führt das Erbe der Zuckerbäcker und Baumeister weiter. Innovationsgeist und Experimentierfreude prägen den vollständig digital geplanten und mittels innovativem 3D-Druckverfahren gefertigten Turm. Er wirkt wie eine filigrane Skulptur im alpinen Raum und steht sinnbildlich für die Verbindung neuester Technologien mit kultureller Vision. Während der Führung erfahren die Besucher:innen mehr über die komplexe Planung, die ingenieurstechnischen Herausforderungen und die symbolische Bedeutung des Turms.
Initiiert wurde das Gesamtprojekt durch Giovanni Netzer, dem Gründer und Intendanten Origens, der Mulegns als kulturelles Labor versteht – als Ort, an dem Kunst nicht nur präsentiert wird, sondern Zukunft gestaltet. Die ausgedehnte Führung macht spürbar, dass Mulegns mehr ist als ein Sanierungsprojekt. Es ist ein kulturelles Gesamtkunstwerk – ein Beispiel dafür, wie Architektur, Theater, Konzerte, Kunst, Literatur und gesellschaftliche Vision ineinandergreifen können. Wer hierherkommt, Halt macht am Pass, erlebt hautnah, dass Kultur selbst im winzigen Bergdorf eine enorme Strahlkraft entfalten kann, die international ausstrahlt.



