Im Ausstellungsjahr 2026 rückt das Textilmuseum St. Gallen mit drei Ausstellungen Mode in einen erweiterten Kontext: als visuelles Medium, als Produkt von Arbeit und Industrie sowie als Objekt des Sammelns und Erinnerns. Zwischen internationaler Fotokunst, sozialdokumentarischen Porträts und privaten Kollektionen entfaltet sich ein differenzierter Blick auf Kleidung als kulturelle Praxis und als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.
Mode als gesellschaftlicher Seismograph
- Publiziert am 27. Januar 2026
Das Textilmuseum St. Gallen zeigt 2026 mit drei Ausstellungen, wie Mode soziale Veränderungen sichtbar macht.
Zwischen Bild, Stoff und Gesellschaft
Mode entsteht nie im luftleeren Raum. Sie ist eingebettet in ökonomische Bedingungen, soziale Strukturen und kulturelle Vorstellungen. Das Textilmuseum St. Gallen nimmt diese Verflechtungen im Ausstellungsjahr 2026 zum Ausgangspunkt eines fein abgestimmten Programms. Drei Ausstellungen beleuchten Mode aus unterschiedlichen Perspektiven und machen sichtbar, wie eng Kleidung mit Fragen von Identität, Arbeit, Konsum und Verantwortung verbunden ist.
Im Zentrum steht die Ausstellung «Mise en Scène». Modefotografie von der Belle Époque bis heute (3.7.2026 – Ende Februar 2027). Sie verbindet internationale Fotokunst mit der Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie und vereint mehr als 120 Jahre Mode-, Fotografie- und Sozialgeschichte. Schweizer Textilien, die über Jahrzehnte hinweg in der internationalen Couture Verwendung fanden und bis heute auf Laufstegen und in Modemagazinen präsent sind, bilden dabei einen zentralen Bezugspunkt.
Modefotografien erzählen hier nicht nur von Stoffen und Schnitten, sondern von Körperbildern, Rollenverständnissen und gesellschaftlichen Idealen: von der befreiten Silhouette der 1920er-Jahre über die glamouröse Weiblichkeit der Nachkriegszeit bis hin zu selbstbewussten, diversen Darstellungen der Gegenwart. Modefotografie wird so zum Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen – und zugleich zum Schaufenster einer international vernetzten Schweizer Textilwirtschaft. Werke von Frères Seeberger, Atelier d’Ora / Arthur Benda, Helmut Newton, Peter Knapp, Jeanloup Sieff und Iwan Baan treten in einen dichten Dialog mit Textilien und Mode von Forster Rohner, Jakob Schlaepfer, Akris und weiteren Schweizer Unternehmen.
Arbeit, Erinnerung und bewusster Umgang
Einen bewusst ruhigeren, dokumentarischen Akzent setzt die Serie «Porträt einer Schweizer Firma» (5.6.2026 – Ende Februar 2027). 1972 porträtierte Barbara Davatz die gesamte Belegschaft der Firma Walser AG, einer Textildruckerei und Zwirnerei in Zürchersmühle. 38 Frauen und Männer wurden einzeln fotografiert, ergänzt um präzise biografische Angaben. In ihrer sachlichen, unsentimentalen Bildsprache sind die Porträts heute ein eindrückliches Zeitdokument einer vergangenen Arbeitswelt – und ein reflektierter Beitrag zu Fragen von Identität, Migration und Zugehörigkeit.
Bis zum 25. Mai 2026 ergänzt die Ausstellung «Mode sammeln. Von T-Shirts bis Haute Couture» das Programm. Anhand privater Kollektionen und der Sammlung des Textilmuseums St. Gallen zeigt sie ikonische Alltagsstücke, massgeschneiderte Anzüge, extravagante Abendkleider, historische Lingerie und seltene textile Zeugnisse. Dem schnellen Konsum der Fast Fashion stellt die Ausstellung das bewusste Sammeln als kulturelle Praxis gegenüber und regt dazu an, über Wert, Dauer und Verantwortung im Umgang mit Mode nachzudenken.
So positioniert sich das Textilmuseum St. Gallen im Jahr 2026 als Ort einer vertieften Auseinandersetzung mit Mode, weit entfernt von der Fast-Fashion unsere Tage.

