Die diesjährigen Literaturtage Zofingen präsentieren junge tschechische Autor:innen, geben Einblick in die reiche Erzähltradition des osteuropäischen Landes und stellen grundsätzliche Fragen darüber, wie unsere Vorstellungen vom Osten entstehen – oder ob dieser Osten nicht gar eine Erfindung ist? Am Samstagabend schlägt eine Hommage an Mani Matter eine Brücke zwischen tschechischer Liedtradition und Schweizer Chanson.
LITERATURTAGE ZOFINGEN: Ein Wochenende mit Literatur aus Tschechien!
Tschechische Hommage an Mani Matter
Was passiert mit einem Lied, wenn es seine Sprache wechselt? Bleibt der Humor erhalten, die Melancholie, der Blick auf die Welt? Der Prager Liedermacher Jan Řepka bewegt sich seit vielen Jahren zwischen Sprachen, Ländern und musikalischen Traditionen. Verwurzelt in der tschechischen Folk-Szene, erzählt er in seinen eigenen Liedern von Liebe, Reisen und Freiheit und sammelt zugleich Geschichten anderer Künstler, um ihnen in einer neuen Sprache ein zweites Leben zu schenken. Eine besondere Verbindung entstand dabei zur Schweiz: Seit 2010 beschäftigt sich Řepka intensiv mit den Liedern von Mani Matter. Seine tschechischen Übertragungen sind weit mehr als Übersetzungen – sie bewahren Matters feinen Humor, seine sprachliche Genauigkeit und seinen liebevollen Blick auf die kleinen Absurditäten des Alltags.
Ein musikalischer Abend zwischen Prag und Bern! Begleitet wird Jan Řepka an diesem Abend in Zofingen vom Berner Jean-Pierre Dix am Kontrabass.
Junge Stimmen aus Tschechien
Die junge tschechische Literatur erzählt von einer Generation, die sich in einer Welt voller Unsicherheiten, widersprüchlicher Erwartungen und neuer Möglichkeiten zurechtfinden muss. Das Programm der Literaturtage bietet vielfältige Einblicke in die tschechische Literatur und Kultur. Drei ausgewählte junge literarische Stimmen richten den Blick auf unterschiedliche, zugleich universelle Erfahrungen des Jungseins in Europa: die Suche nach Identität, den Umgang mit gesellschaftlichen Krisen und die Frage, wie wir mit Verlust und Erinnerung weiterleben.
In «Die Kugel» (Kulový blesk) von Klára Vlasáková erscheint eine geheimnisvolle Kugel über einer tschechischen Kleinstadt und bringt eine Gesellschaft aus dem Gleichgewicht, die verzweifelt nach Erklärungen sucht. Mit kafkaeskem Humor erzählt Vlasáková davon, wie Angst, Verdrängung und Verschwörungserzählungen entstehen, wenn vertraute Gewissheiten ins Wanken geraten. Die tschechische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Klára Vlasáková richtet ihren Blick auf gesellschaftliche Spannungen und die Mechanismen, mit denen Menschen auf das Unbegreifliche reagieren.
«Du weisst nen Scheiss über Sterne» (Víš hovno o hvězdách) von Petr Hanel begleitet den 17-jährigen Marky auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Zwischen familiären Problemen, sich wandelnden Freundschaften und den Versprechen der digitalen Welt erzählt der Roman mit trockenem Humor vom Wunsch nach Anerkennung, von Selbstzweifeln und dem schwierigen Weg zu einer eigenen Identität. Der tschechische Autor Petr Hanel widmet sich den Erfahrungen einer jungen Generation, die zwischen sozialen Medien, gesellschaftlichem Erfolgsdruck und dem Bedürfnis nach echter Nähe ihren eigenen Weg finden muss.
In «Ich habe den Tod gerettet» (Smrtholka) von Lucie Faulerová reist die junge Marie im Zug in ihre Vergangenheit zurück, zu ihrer Familie und zum Verlust ihrer Schwester, der ihr Leben für immer verändert hat. Mit sprachlicher Leichtigkeit, erzählerischer Raffinesse und überraschendem Humor erkundet Faulerová die Verflechtungen von Trauer, Schuld und Erinnerung – und die Frage, wie sich nach einem Verlust ein Weg zurück ins Leben finden lässt. Die vielfach ausgezeichnete tschechische Schriftstellerin Lucie Faulerová verbindet psychologische Tiefe mit sprachlicher Experimentierfreude und erzählt eindringlich von den Brüchen, die unser Leben prägen.