Beat Toniolo, der seit Jahrzehnten mit spartenübergreifenden Kunst- und Kulturprojekten zwischen Literatur, Performance und Film arbeitet, hat einen Kurzfilm über die Freundschaft zwischen dem Autor Hermann Hesse und dem Künstler Hermann Hans Sturzenegger realisiert und zur grossen Premiere geladen. Unter den Gästen befand sich auch der Enkel des berühmten Autors, Silver Hesse. arttv.ch nutzte die Gelegenheit, um mit dem inzwischen 82-jährigen Silver Hesse über seinen berühmten Grossvater zu sprechen.
Interview Silver Hesse
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«Zum ersten Mal hatte ich damals das Gefühl, von einem Erwachsenen wirklich ernst genommen zu werden.»
SILVER HESSE
Silver Hesse wurde 1944 geboren und ist der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse. Der ausgebildete Architekt und Raumplaner engagierte sich über Jahrzehnte hinweg intensiv für das kulturelle Erbe seines Grossvaters und verwaltet als Vertreter der Erbengemeinschaft bis heute zentrale Fragen rund um Werk, Nachlass und Urheberrechte. Gleichzeitig trat Silver Hesse immer wieder als Gesprächspartner und Zeitzeuge auf, der persönliche Einblicke in das familiäre Umfeld des weltberühmten Schriftstellers ermöglicht. Seine Erinnerungen zeichnen dabei oft ein überraschend nahbares Bild Hermann Hesses – fernab des literarischen Mythos.
Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Ihr Grossvater für andere Menschen keine private Figur, sondern eine geistige Autorität war?
Das wurde mir eigentlich erst im Erwachsenenalter bewusst. In unserer Familie wusste man zwar, dass Grossvater viele Bücher schreibt, doch daraus wurde nie ein besonderes Aufsehen gemacht. Über seine Berühmtheit sprach man kaum. Erst im Lehrerseminar merkte ich plötzlich, welche Bedeutung Hermann Hesse für andere hatte.
Wie machte sich das bemerkbar?
Lehrer:innen begegneten mir mit einem besonderen Interesse, und ich spürte, dass ich dadurch auch gegenüber Mitschüler:innen in eine bestimmte Rolle geriet. Da war ich ungefähr zwanzig Jahre alt.
Ihr Grossvater lebte zu dieser Zeit noch?
Ja, noch kurze Zeit. Er starb, als ich zwanzig Jahre alt war. Davor hatte ich ihn als Kind und Jugendlicher nur sporadisch erlebt, da er ja im Tessin lebte.
Welche Seite von Hermann Hesse wird aus Ihrer Sicht bis heute missverstanden?
Ich denke, die akademische Welt hat sich lange schwergetan mit Hesse. Was häufig unterschätzt wird, ist sein ausserordentlich feines Sensorium für politische Entwicklungen und seine Haltung dazu. Er sagte einmal: «Wäre ich jung, wäre ich revolutionär.» Damit meinte er nicht eine ideologische Parteinahme, sondern eine geistige Wachheit gegenüber gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. Er erkannte früh vieles, was vor dem Ersten Weltkrieg, während der Zwischenkriegszeit und später in der Nazizeit aus dem Gleichgewicht geriet. Auch gegenüber dem späteren Kommunismus blieb er kritisch. Diese politische Sensibilität wird meines Erachtens bis heute zu wenig wahrgenommen.
Gab es Briefe oder Notizen im Nachlass Ihres Grossvaters, die Ihr Bild von ihm verändert haben?
Ja, durchaus. Allein zwischen meinem Vater und meinem Grossvater wurden über tausend Briefe gewechselt. Die meisten davon konnte ich erst nach dem Tod meines Vaters lesen. Dadurch verstand ich die Beziehung der Beiden plötzlich viel tiefer – die Nähe, aber auch die Spannungen.
Was ist Ihnen konkret bewusster geworden?
Ich spürte, wie sehr mein Grossvater versuchte, die Schuld über das Verlassen der Familie innerlich zu verarbeiten. Durch diese Briefe ist mir vieles klar geworden. Und das betrifft nicht nur die Korrespondenz mit meinem Vater. Insgesamt existieren Zehntausende Briefe, in denen sich nicht nur persönliche Gedanken finden, sondern auch faszinierende Beobachtungen zu politischen und kulturellen Entwicklungen. Daraus habe ich enorm viel gelernt.
Wie trennt man Familie und kulturelles Erbe voneinander, wenn beides ständig ineinander übergeht?
Das ist tatsächlich schwierig. Es gibt Situationen, in denen ich beides bewusst voneinander trennen möchte, damit familiäre Aspekte nicht für persönliche Interessen instrumentalisiert werden. Gleichzeitig bin ich in öffentlichen Gesprächen sehr offen, auch wenn es um kritische Sichtweisen innerhalb der Hesse-Familie geht. Man weiss heute ohnehin so viel über Hermann Hesse, dass es keinen Sinn hätte, etwas künstlich zu verbergen.
Welche Themen Ihres Grossvaters wirken heute aktueller als noch vor 30 Jahren?
Vor allem seine politischen Haltungen und seine Gedanken zu Lebensfragen. Besonders wichtig scheint mir die Bedeutung, die er dem Individuum und dessen innerer Entwicklung beimass. Ich glaube, diese Themen verloren in den letzten Jahrzehnten etwas an Gewicht und gewinnen heute – gerade angesichts geopolitischer Unsicherheiten – wieder neue Aktualität. In gewisser Weise erleben wir eine Rückkehr zu Fragen, die Hesse schon vor über hundert Jahren beschäftigten.
Welche Bücher würden Sie jungen Menschen heute zuerst empfehlen?
Ich würde sicher nicht mit dem «Glasperlenspiel» beginnen. Dafür brauchte ich selbst mehrere Anläufe, bis ich es mit etwa fünfundzwanzig oder dreissig Jahren wirklich gelesen hatte. Sehr empfehlen würde ich hingegen «Demian» als Entwicklungsroman. Auch «Unterm Rad» bleibt wichtig, weil darin die damalige Schul- und Erziehungsproblematik erstaunlich präzise sichtbar wird. «Narziss und Goldmund» halte ich ebenfalls für ein grosses Werk – vorausgesetzt, man liest es nicht nur oberflächlich. Und dann natürlich Texte wie «Klingsors letzter Sommer» oder «Der Kurgast». Überhaupt finde ich, dass viele seiner Erzählungen und Märchen unterschätzt werden. Es müssen nicht immer die grossen Romane sein.
Hat Ihr Grossvater in privaten Gesprächen anders gesprochen als in seinen Büchern geschrieben?
Nein, eigentlich nicht. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit ihm, als ich siebzehn war. Zum ersten Mal hatte ich damals das Gefühl, von einem Erwachsenen wirklich ernst genommen zu werden. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Eine solche Ernsthaftigkeit kannte ich bis dahin weder von meinen Eltern noch von anderen Erwachsenen.
Was hat Ihr architektonischer und raumplanerischer Hintergrund Ihrem Blick auf Literatur oder Archive gegeben?
Weniger einen direkten sachlichen Einfluss. Aber vielleicht hat mich diese Arbeit darin bestärkt, auch gegen den Mainstream zu denken und Ideen zu vertreten, die nicht sofort mehrheitsfähig sind. Manchmal konnte ich mich damit durchsetzen, etwa in der Zusammenarbeit mit Gemeinden oder Behörden. Manchmal bin ich damit aber auch gescheitert.
Sie selbrer sind Stadtarchitekt geworden. War Architektur ein Thema für Ihren Grossvater?
Ich glaube, für ihn war die Schönheit von Natur und Landschaft zentral – und dazu gehörten selbstverständlich auch Gebäude. Nach seinem Umzug ins Tessin schrieb er mehrfach darüber, wie sehr ihn die zunehmende Verbauung und die Entwicklung Luganos bedrückten. Er empfand vieles als Verlust von Schönheit und Harmonie.
Gibt es im Nachlass noch Material, das die Öffentlichkeit überraschen würde?
Textlich ist praktisch alles publiziert. Es existieren allerdings noch zahlreiche Aquarelle in Privatbesitz, die meine Partnerin inventarisiert. Aber insgesamt gibt es wenig, das noch völlig unbekannt wäre. Über Hermann Hesses Leben ist bereits sehr viel dokumentiert – und wir ich bereits erwähnt habe, wir verstecken auch nichts.
Welche Verantwortung trägt man, wenn man das Werk eines weltberühmten Autors bewahrt?
Solange das Urheberrecht gilt, liegt vieles beim Verlag und bei der Erbengemeinschaft. Doch durch KI und digitale Plattformen verändert sich die Situation grundlegend. Inhalte verbreiten sich heute oft völlig unkontrollierbar. Die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen oder etwas zu verhindern, werden immer kleiner – ausser wenn es um Persönlichkeitsschutz geht.
Glauben Sie, Hermann Hesse wäre heute mit seiner öffentlichen Wirkung zufrieden?
Ich denke schon. Hesse sagte oft, er schreibe nicht für die Masse, sondern für jene wenigen Hundert oder Tausend Leser:innen, die wirklich etwas aus seinen Büchern mitnehmen. Die grosse öffentliche Repräsentation interessierte ihn weniger als das etwa bei Thomas Mann der Fall war. Der Zugang meines Grossvaters zum Schreiben war persönlicher, stiller und innerlicher.
Gab es Gespräche mit Ihrem Vater Heiner Hesse, die Sie besonders geprägt haben?
Ja, sehr viele. Seit den 1980er-Jahren besuchte ich ihn regelmässig im Tessin. Dabei sprachen wir nicht nur über Verlagsfragen, sondern intensiv über die Familie und über meinen Grossvate selbst. Aus diesen Gesprächen habe ich unglaublich viel mitgenommen.
Wie war das Verhältnis Ihres Vaters zu seinem Vater?
Grundsätzlich sehr gut. Als junger Mann stand mein Vater allerdings politisch weit links und sympathisierte zeitweise sogar mit kommunistischen Ideen. Daraus ergaben sich Konflikte mit seinem Vater, was man auch in den Briefen spürt. Später änderte sich das jedoch. Mein Vater verteidigte Hermann Hesse beinahe vorbehaltlos.
Hermann Hesse wird oft als Jugendautor bezeichnet. Wie sehen Sie das?
«Siddhartha» ist sicher ein Werk, das viele junge Menschen anspricht und eine aussergewöhnlich schöne Dichtung. Aber Hesse nur als Jugendautor zu sehen, greift viel zu kurz. Interessant ist ja auch, dass Suhrkamp derzeit neue englische Übersetzungen seiner grossen Werke vorbereitet, weil die internationale Nachfrage nach wie vor enorm ist.
Und noch gamz zum Schluss: Was würden Sie Ihren Grossvater heute fragen, wenn Sie noch einmal einen Nachmittag mit ihm verbringen könnten?
Ich würde ihn fragen, ob er selbst mit seiner Wirkung zufrieden war – mit seinen Büchern, seinen Botschaften und den vielen Antworten, die er Briefschreiber:innen gab. Ob er das Gefühl hatte, genug erreicht zu haben oder ob er glaubte, ein Autor müsse noch mehr bewirken.
Silver Hesse, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch