Dreizehn Bände, sechzig Jahre Schreiben, ein Leben zwischen Basel, Bern und Berlin: Mit der vollständigen Werkausgabe legt der Secession Verlag erstmals das gesamte literarische und autobiografische Schaffen von Christoph Geiser vor. Seine Romane, Erzählungen und Essays erzählen nicht nur die Geschichte eines einzelnen Autors, sondern spiegeln gesellschaftliche und politische Umbrüche eines ganzen Jahrhunderts. arttv.ch hat den Schriftsteller in seiner Wohnung im Berner Marzili besucht – an jenem Ort, an dem alle seine Bücher entstanden sind.
Christoph Geiser: Ein Leben wird Literatur
Die 13-bändige Werkausgabe versammelt das literarische Werk eines der bedeutendsten Schweizer Autoren der Gegenwart.
Christoph Geiser hat für sein Werk zahlreiche Preise erhalten, zuletzt 2018 den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Stipendien führten ihn an das Oberlin College in Ohio, nach London, Paris und New York. 2000 war er Stadtschreiber in Dresden. Er ist Mitglied des Deutschschweizer PEN-Zentrums und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Er lebt in Bern und Berlin.
Bewegte Lebensgeschichte
Über sechs Jahrzehnte hinweg hat Christoph Geiser (*1949 in Basel) ein Werk geschaffen, das autobiografische Erfahrungen mit gesellschaftlicher und historischer Reflexion verbindet. Seine Biografie spiegelt sich in vielen seiner Bücher wider. Als Sohn eines Kinderarztes und einer Schauspielerin wuchs er in einem grossbürgerlichen Basler Umfeld auf. Die Spannungen und Brüche dieser Herkunft verarbeitete er insbesondere in den Familienromanen «Grünsee» und «Brachland», die ihm früh literarische Anerkennung einbrachten. Darin schildert er den Zerfall einer Familie und eröffnet zugleich einen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit.
Ein entscheidender Wendepunkt in seinem Werk erfolgte in den 1980er-Jahren. Mit seinem öffentlichen Bekenntnis zur Homosexualität rückten Fragen von Identität, Begehren und gesellschaftlicher Ausgrenzung ins Zentrum seines Schreibens. Der Roman «Wüstenfahrt» thematisiert eine Männerbeziehung in einer Zeit, als Homosexualität noch stark tabuisiert war und die AIDS-Krise ganze Generationen erschütterte.
Ein Autor mit Haltung
Auch politisch bezog Geiser stets Stellung. Als junger Mann verweigerte er den Militärdienst und nahm dafür eine Gefängnisstrafe in Kauf. Seine Erfahrungen und die Ernüchterung über gescheiterte politische Ideale fanden später Eingang in Werke wie «Desaster», einer schonungslosen Auseinandersetzung mit den Hoffnungen und Enttäuschungen der politischen Linken. Im Laufe der Jahre entwickelte Geiser seine literarische Form stetig weiter. Neben autobiografischen Stoffen widmete er sich kulturhistorischen Themen, etwa in Romanen über den Maler Caravaggio oder imaginären Begegnungen zwischen historischen Persönlichkeiten. Spätere Werke zeichnen sich durch eine experimentelle Sprache, assoziative Erzählweisen und eine zunehmende Nähe zur literarischen Moderne aus. Die Werkausgabe versammelt neben den bekannten Romanen auch Geisers gesammelte Erzählungen. Darunter finden sich verstreut veröffentlichte und bislang unveröffentlichte Texte sowie sechs neue Erzählungen unter dem Titel «Fernweh». Gemeinsam ergeben die dreizehn Bände das Porträt eines Autors, dessen persönliches Schreiben weit über die eigene Biografie hinausweist und zu einer Chronik gesellschaftlicher, kultureller und politischer Veränderungen geworden ist.