Thomas Hirschhorn zählt zu den international bekanntesten Schweizer Kunstschaffenden der Gegenwart, einer der aus Karton, Klebeband, Bildern und Texten ebenso fragile wie wuchtige Denklandschaften baut. Im Zentrum der Bündner Ausstellung steht das 2025 entstandene Werk MY ATLAS, das Hirschhorns künstlerisches Denken wie auf einer grossen mentalen Landkarte auffächert. Ausgangspunkt ist Aby Warburgs berühmter «Mnemosyne-Atlas». Der deutsche Kunsthistoriker versuchte darin, kulturelle Erinnerungen und wiederkehrende Bildmotive durch die Montage von Fotografien sichtbar zu machen.
Thomas Hirschhorn – Die Welt als Bilderflut
Mit «My Atlas» gibt das Bündner Kunstmuseum einen umfassenden Einblick in das Werk des Künstlers.
Karton statt Marmor
Charakteristisch für Hirschhorns Arbeiten sind vermeintlich wertlose und leicht verfügbare Materialien: Karton, Sperrholz, Aluminiumfolie, Plastikplanen, Fotokopien und Unmengen von Klebeband. Was zunächst provisorisch, chaotisch oder sogar dilettantisch wirken kann, ist Teil einer konsequenten künstlerischen Haltung. Hirschhorn widersetzt sich der Vorstellung, Kunst müsse elegant, dauerhaft oder handwerklich perfekt erscheinen. Stattdessen setzt er auf Energie, Dringlichkeit und Überfülle. Seine Installationen gleichen begehbaren Bildarchiven, improvisierten Informationszentren oder explodierten Redaktionsräumen. Zeitungsbilder stehen neben philosophischen Zitaten, Werbung trifft auf Kriegsfotografie, kunsthistorische Referenzen auf handgeschriebene Parolen.
Die bewusst prekäre Form soll dabei nicht Armut imitieren. Sie ermöglicht Hirschhorn vielmehr, unmittelbar und ohne Ehrfurcht vor kostbaren Materialien zu arbeiten. Seine Werke dürfen verletzlich, widersprüchlich und angreifbar bleiben. Er selbst bezeichnet sein Ziel als eine Kunst, die gerade durch ihre Prekarität Kritik übt und zugleich kritisiert werden kann.
Kunst für ein nicht exklusives Publikum
Hirschhorn versteht sein Schaffen als politisch, ohne politische Botschaften illustrieren oder für eine bestimmte Gruppe sprechen zu wollen. «Kunst politisch machen» bedeutet für ihn vor allem, für ein «nicht exklusives Publikum» zu arbeiten. Kunst dürfe nicht nur Menschen ansprechen, die mit ihren Codes, Institutionen und Diskursen bereits vertraut seien. Sie müsse auch offen bleiben für Nachbar:innen, Fremde, Passant:innen und Menschen, die sich normalerweise nicht als Kunstpublikum verstehen. Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich in Hirschhorns Projekten im öffentlichen Raum. Für das GRAMSCI MONUMENT (arttv.ch berichtete) errichtete er 2013 gemeinsam mit Bewohner:innen einer Wohnsiedlung in der South Bronx eine temporäre Anlage aus Holz und Plexiglas. Sie umfasste unter anderem eine Bibliothek, ein Theater, eine Radiostation, eine Zeitung, Werkstätten und Treffpunkte. Hirschhorn war während der gesamten Laufzeit vor Ort. Das Werk war Denkraum, Skulptur und sozialer Begegnungsort zugleich – wobei der Künstler darauf bestand, es nicht als Sozialprojekt, sondern als Kunstwerk zu verstehen.
Robert Walser auf dem Bahnhofplatz
Auch in der Schweiz sorgte Hirschhorn immer wieder für Aufsehen. 2019 verwandelte er den Bahnhofplatz von Biel während zwölf Wochen in die ROBERT WALSER-SCULPTURE (auch dazu findest du auf arttv.ch einen Bericht). Die monumentale Holzkonstruktion war täglich zwölf Stunden geöffnet und bot Lesungen, Spaziergänge, Workshops, Diskussionen, Theater, eine Bibliothek und ein Atelierprogramm. Rund 200 Personen und Organisationen aus Biel waren daran beteiligt. Aus einem klassischen Denkmal für einen Schriftsteller wurde eine lebendige Plattform, auf der sich Literatur, Stadtgesellschaft und Alltag begegneten. Ähnlich funktionieren auch Hirschhorns Monumente für die Philosophen Baruch de Spinoza, Gilles Deleuze und Georges Bataille. Er stellt die verehrten Denker nicht auf einen Sockel, sondern macht ihre Schriften zum Ausgangspunkt für Gespräche, Produktion und gemeinsame Anwesenheit. Das Denkmal wird bei Hirschhorn nicht betrachtet, sondern benutzt.
Schönheit der Überforderung
Hirschhorns Arbeiten sind selten bequem. Die schiere Menge an Bildern und Informationen kann überfordern. Häufig integriert er ungeschönte Fotografien von Krieg, zerstörten Körpern oder gesellschaftlicher Gewalt. Damit stellt er auch die Frage, welche Bilder öffentlich gezeigt werden, welche unsichtbar bleiben und wer darüber entscheidet. Seine Installationen spiegeln eine Gegenwart, in der Nachrichten, Werbung, soziale Medien und politische Propaganda permanent um Aufmerksamkeit kämpfen. Die Bilderflut wird bei ihm jedoch nicht digital geglättet, sondern physisch: ausgedruckt, ausgeschnitten, vergrössert, überklebt und räumlich verdichtet. Besucher:innen müssen sich buchstäblich zu den Bildern verhalten und ihren eigenen Weg durch das Material finden.
MY ATLAS dürfte diese Methode besonders anschaulich machen. Das Werk verbindet mehr als vier Jahrzehnte künstlerischer Produktion und legt Beziehungen offen, ohne sie abschliessend zu erklären. Der Atlas ist damit weniger ein Schlüssel, der Hirschhorns Kunst eindeutig entschlüsselt, als eine Einladung, sich in ihrem Denken zu verlieren.
Heimkehr nach Graubünden
Dass die Ausstellung in Chur stattfindet, besitzt auch eine biografische Dimension. Thomas Hirschhorn wurde 1957 in Bern geboren, wuchs in Davos auf und studierte an der damaligen Kunstgewerbeschule Zürich. 1983 zog er nach Paris, wo er bis heute lebt und arbeitet. Seit den 1990er-Jahren ist sein Werk weltweit präsent – unter anderem an der documenta, an den Biennalen von Venedig, São Paulo und Shanghai sowie im Palais de Tokyo in Paris. 2011 vertrat er die Schweiz mit CRYSTAL OF RESISTANCE an der Biennale von Venedig. Der mit glitzernder Aluminiumfolie, Kristallformen, Bildern und Alltagsmaterialien vollgestopfte Pavillon bündelte vieles, was Hirschhorns Arbeit bis heute kennzeichnet: Widerstand gegen formale Hierarchien, die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Schrecken sowie den Glauben an die Kraft einer Kunst, die niemanden ausschliessen will.
Mit «My Atlas» kommt dieses weitverzweigte Werk nun in jene Region zurück, in der Hirschhorn aufgewachsen ist. Das Bündner Kunstmuseum verspricht dabei keine klassische Retrospektive mit sauber geordneten Entwicklungsstufen. Vielmehr dürfte die Ausstellung zeigen, wie beharrlich Hirschhorn seit über vierzig Jahren um dieselben Fragen kreist: Wie kann Kunst Haltung zeigen, ohne zur Belehrung zu werden? Wie lässt sich eine Öffentlichkeit herstellen, die nicht bereits ausgewählt ist? Und wie viel Unordnung braucht es, um die Gegenwart überhaupt noch sichtbar zu machen?
