In der Ausstellung «Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard» wird der Sammlungsteil alter Meister ins Zentrum gestellt. Von mittelalterlichen Andachtsbildern bis zu barocken Stillleben entfaltet sich ein Panorama menschlicher Erfahrungen: von innerer Einkehr bis zur Lust am Sichtbaren, von Heiligkeit bis zu weltlicher Selbstinszenierung. Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie sehr die Welt der Kunst früher von Männern dominiert war, Frauen sind absolut keine vertreten.
Rund 70 Gemälde aus sechs Jahrhunderten
- Publiziert am 13. Januar 2026
Einer der Schätze des Kunstmuseum Bern ist sein aussergewöhnlicher Bestand an Werken älterer Kunst.
Ausgestellte Künstler
Heinrich Aldegrever (1502–1561)
Fra Angelico (†1455)
Hans Asper (1499–1571)
Jacob de Backer (1555–1585)
Berner Nelkenmeister
Giovan Antonio Boltraffio (1467–1516)
Balthasar van den Bossche (1681–1715)
Sandro Botticelli (Werkstatt) (1455–1519)
Duccio di Buoninsegna (1255–1319)
Jacopo del Casentino (1279–1358)
Lucas Cranach d. J. (1515–1586)
Bernardo Daddi (1295–1348)
Johannes Dünz (1645–1736)
David Cornelisz de Heem (1663–1718)
Joseph Heintz d. Ä. (1564–1609)
Jan Sanders van Hemessen (Umkreis) (1500–1566)
Albrecht Kauw (1616–1681)
Jean-Etienne Liotard (1702–1789)
Niklaus Manuel (I.) (1484–1530)
Meister der Madonna della Misericordia
Andrea di Nerio (1331–1387)
Lorenzo di Niccolò di Martino (ca. 1373–ca. 1412)
Alvaro Pirez d’Evora (vor 1411–nach 1434)
Joseph Plepp (1595–1642)
Nicolas Poussin (zugeschrieben) (1594–1665)
Johann Ulrich Schellenberg (1709–1795)
Vincent Sellaer (1490–1564)
Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722–1789)
Joseph Werner d. J. (1637–1710)
Schätze aus sechs Jahrhunderten
Die Ausstellung spannt einen Bogen vom 13. bis ins 18. Jahrhundert. Am Anfang steht mit Duccio di Buoninsegnas Maestà das älteste Gemälde der Sammlung – ein Werk von europäischem Rang. Dazu treten wichtige Positionen aus Florenz und Siena, Meister der Frühen Neuzeit sowie barocke Maler aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Berner Kunst: Die kunstvollen Altartafeln der zwischen 1480 und 1510 tätigen Berner Nelkenmeister und das umfangreiche Werk des um 1484 geborenen Niklaus Manuel bilden das Herzstück der Ausstellung. Manuel, der zugleich Maler, Dichter, Grafiker, Reformator, Reisläufer und Berner Ratsherr war, steht exemplarisch für die enge Verflechtung von Kunst, Politik und Gesellschaft in seiner Zeit. Im Hauptsaal laden zahlreiche, teils freistehend präsentierte Altartafeln dazu ein, sich in die detailreichen Szenen aus dem Leben der Heiligen zu vertiefen.
Irdische und himmlische Güter
Mit dem Barock wird der Blick weltlicher. Bern gehörte damals zu den mächtigen Stadtstaaten Europas, und der wirtschaftliche Wohlstand spiegelt sich in prunkvollen Stillleben und repräsentativen Porträts. Werke von Joseph Heintz, Johannes Dünz, Albrecht Kauw oder Jean-Étienne Liotard zeigen Selbstbewusstsein, Reichtum und Lust an der Sichtbarkeit – eine wahre Feier der «material culture».
Doch dem Glanz steht die moralische Frage gegenüber: Wie soll man leben? Allegorien von Joseph Werner verhandeln Tugend, Gerechtigkeit und Heilkunst. Ein Schlüsselwerk ist die monumentale Berner Kebes-Tafel von Joseph Plepp: Über drei Meter breit, mit rund 200 Figuren, erzählt sie in komplexen Bildszenen von den Irrwegen des Menschen und seinem schwierigen Weg zum Heil – ein gemaltes Weltmodell zwischen Verführung, Irrtum und Erlösung.

Legate, Götter und Gegensätze
Ein besonderes Highlight bildet das Legat Adolf von Stürler mit rund 170 Werken, darunter kostbare Gemälde italienischer Meister des Tre- und Quattrocento wie Bernardo Daddi, Fra Angelico oder Arbeiten aus der Werkstatt Sandro Botticellis. Auch Duccios berühmte Maestà ist Teil dieses Bestands und wird in einem eigenen Kabinett gezeigt. Einen Kontrapunkt bilden mythologische Szenen mit Flora, Neptun und Venus sowie selten gezeigte Miniaturen von Joseph Werner auf Pergament.
Das volle Leben ist keine stille kunsthistorische Abfolge, sondern eine Ausstellung über menschliche Extreme: Martyrium trifft auf Selbstdarstellung, Askese auf Opulenz, Moral auf Wollust. Die alten Meister erscheinen hier nicht fern, sondern überraschend nah – ihre Bilder stellen Fragen, die bis heute gelten: Wie leben wir richtig? Was zählt mehr – das Irdische oder das Himmlische? Und wie viel Widerspruch hält ein Menschenleben aus?

