Hotels sind Orte des Kommens und Gehens. Man schläft, frühstückt, zieht weiter. Dass ein Hotel mehr sein kann als Durchgangsstation, will das Hotel Helvetia Zürich nun ausloten. Gemeinsam mit der WACollection startet es die langfristig angelegte Kunstinitiative Room For Art – und setzt zum Auftakt auf eine der markantesten Positionen der Schweizer Gegenwartskunst: Pamela Rosenkranz.
Pamela Rosenkranz im Hotel Helvetia Zürich
- Publiziert am 16. Februar 2026
WACollection – Kunst als Teil des Alltags
Die WACollection ist keine klassische Sammlung mit Depot und Ausstellungsplan, sondern ein lebendiges Gefüge aus Kunst, Architektur, Gastronomie und Gastlichkeit. Gegründet wurde sie 2007 von Leopold Weinberg und Adrian Hagenbach. Gemeinsam verfolgen sie eine klare Idee: Kunst soll nicht nur betrachtet, sondern im Alltag erlebt werden.
Als Betreiber der Boutique-Hotels Volkshaus Basel und Hotel Helvetia Zürich integrieren sie zeitgenössische Kunst bewusst in Räume des täglichen Gebrauchs – beim Essen, beim Verweilen, beim Übernachten. Dabei geht es nicht um Prestige, sondern um Begegnung. Frühere Projekte wie eine Fensterinstallation von Imi Knoebel im Volkshaus Basel oder bereits realisierte Künstlerzimmer im Hotel Helvetia haben diesen Ansatz vorbereitet.
Mit Room For Art wird diese Haltung nun langfristig konkret: Das Hotel Helvetia dient als dauerhafte Projektionsflächen für zeitgenössische Kunst – offen, zugänglich und jenseits des klassischen Ausstellungsbetriebs. Dialog statt Monolog, Nutzung statt Distanz, so könnte man wohl das Credo von WACollection umschreiben.
Kein White Cube, kein Feigenblatt
Ab dem 25. Februar 2026 wird ein neu gestaltetes Künstlerzimmer öffentlich zugänglich sein – nicht als museale Simulation, sondern als realer Raum, der benutzt, bewohnt, erlebt werden kann. Rosenkranz macht das Hotel buchstäblich zu ihrem «Raum für Kunst». Ihre Arbeiten sind nicht dekoratives Beiwerk, sondern greifen in Wahrnehmung, Körpergefühl und Atmosphäre ein. Damit unterscheidet sich Room For Art von vielen Kunst-am-Bau- oder Kunst-im-Hotel-Projekten, die letztlich beim guten Geschmack stehen bleiben. Rosenkranz geht es jedoch um Reibung: zwischen Alltag und Kunst, Intimität und Öffentlichkeit, Design und Irritation.
35 Zimmer bis 2035 – ein Experiment auf Zeit
Das Projekt ist nicht als einmaliger Showcase gedacht. Bis 2035 sollen im Hotel Helvetia schrittweise 35 Künstlerzimmer entstehen, jeweils in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstler:innen. Jährlich werden mindestens drei neue Räume realisiert und zeitweise der Öffentlichkeit vorgestellt. Die künstlerische Leitung liegt bei dem Sammler Leopold Weinberg, der den Beteiligten bewusst eine Carte Blanche gibt – inklusive der öffentlichen Bereiche des Hauses. Das ist ambitioniert. Und riskant. Denn Kunst, die sich ernst nimmt, lässt sich nicht immer harmonisch ins Hospitality-Konzept integrieren. Genau darin dürfte aber auch der Reiz und die Herausforderung dieses Projekts liegen.
Pamela Rosenkranz: Körper, Wahrnehmung, Unbehagen
Pamela Rosenkranz, 1979 in Altdorf im Kanton Uri geboren und aufgewachsen und heute in Zürich tätig, arbeitet seit Jahren an der Schnittstelle von Biologie, Technologie und kultureller Prägung. Ihre Werke sind oft unmittelbar sinnlich – Farben, Oberflächen, Licht, Materialien – und zugleich konzeptuell präzise. Bekannt wurde sie unter anderem mit der monumentalen Skulptur Old Tree auf der High Line in New York oder der robotischen Schlange Healer, die archaische Symbole von Heilung und Bedrohung neu auflädt. 2015 vertrat Rosenkranz die Schweiz bei der Biennale in Venedig. Im Hotel Helvetia sind unter anderem Arbeiten aus den Healer Scrolls zu sehen: kirigami-geschnittene, handbemalte Membranen, die an Schlangenhaut erinnern. Sie passen erstaunlich gut in den halböffentlichen Raum eines Hotels – nicht, weil sie gefällig wären, sondern weil sie das Verhältnis von Nähe und Fremdheit subtil verschieben.
Kunst im Alltag – oder Alltag in der Kunst?
Die WACollection verfolgt seit Jahren die Idee, Kunst aus dem institutionellen Rahmen herauszulösen und in alltägliche Situationen einzubetten – sei es beim Essen, beim Übernachten oder beim zufälligen Vorbeigehen. Room For Art ist die bislang konsequenteste Fortsetzung dieses Ansatzes. Ob daraus tatsächlich ein lebendiger Dialog zwischen Kunstszene und Hotellerie entsteht oder doch eher ein exklusives Paralleluniversum, wird sich zeigen. Der Start mit Pamela Rosenkranz jedenfalls setzt ein klares Zeichen: Hier geht es nicht um gefällige Bilder an der Wand, sondern um Kunst, die bleibt – im Raum und im Kopf.

