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Museum im Lagerhaus | Krüsi am Zug

«Bahn frei dem Tüchtigen», sagte der Art Brut-Künstler Hans Krüsi und freute sich über seine Fahrten mit den Appenzeller Bahnen.

Mit «Krüsi am Zug» erinnert das Museum im Lagerhaus an das womöglich aussergewöhnlichste Werk des international bekannten Art Brut-Künstlers Hans Krüsi (1920–1995): den 1992, vor dreissig Jahren bemalten Velo­wagen der Appenzeller Bahnen. Im Zentrum der Ausstellung «Krüsi am Zug» stehen die neun Tafeln der Appenzeller Bahnen, die dreissig Jahre nach ihrem Einsatz am Zug erstmals wieder öffentlich zu sehen sind.

«Bahn frei dem Tüchtigen»

Den Ausspruch «Bahn frei dem Tüchtigen» hält Hans Krüsi (1920–1995) auf einer Papierserviette fest. 1992 erhält er den Auftrag, einen Velowagen für die Appenzeller Bahnen zu bemalen. Täglich wird er von einem Mitarbeiter der Appenzeller Bahnen abgeholt und zum Bahndepot nach Herisau AR gefahren, wo er zunächst im Bahnhofs-Café ein Frühstück einnimmt und sich dann an die Arbeit macht. Neun Blechtafeln werden rundherum an den Velowagen montiert, die Hans Krüsi mit Bildern des Appenzellerlandes bemalt. Sein Honorar für die Auftragsarbeit ist ein lebenslanges 1. Klasse-Billet für freie Fahrt mit den Appenzeller Bahnen. Am Freitag, den 9. Oktober 1992, wird der fertig bemalte Wagen erstmals aus dem Bahndepot gerollt und Mitte November mit einer Vernissage eingeweiht. Im Zentrum der Ausstellung stehen die neun Tafeln der Appenzeller Bahnen, ein aussergewöhnliches Werk, das der Künstler im Alter von 72 Jahren geschaffen hat und in dem sowohl seine kulturelle und regionale Verwurzelung wie auch seine Liebe fürs Appen­zellerland besonders stark zum Ausdruck kommen. Die Tafeln stehen als Vehikel für Krüsis Kunst, in der Ausstellung umrahmt von weiteren Darstellungen von Landschaft, Natur, Mensch und Tier.

Experimentierlust und Schaffensdrang: Zur Kunst von Hans Krüsi

Die Ausstellung gibt Einblick in Hans Krüsis grosse Experimentierlust. Der autodidaktische Künst­ler verarbeitet jedes Material, das er finden kann. Er nutzt allmögliche, oft sogar selbst erfundene Techniken der Bild-, Wort-, Ton- und Objektgestaltung. Krüsis Audioexperimente lässt Michael Stauffer, genannt Dichterstauffer, in einer Spoken Word-Performance zur Aus­stellung «Krüsi am Zug» im Museum im Lagerhaus lebendig werden. Hans Krüsi ist ein Lebenskunstwerker, sein Kunstschaffen erstreckt sich auf alle Lebensbe­reiche. Sein kaum überschaubares Werk umfasst Tausende von Arbeiten. 1975 beginnt er auf Servietten und Postkarten zu zeichnen. Bei den Servietten entdeckt er das Spiel der durchdrückenden Farbe, der Pause und Doppelung. Erste Arbeiten mit Sprayfarbe, Pflan­zenteilen und Abklatschtechnik entstehen. Daneben baut Krüsi auch Objekte und verarbei­tet nicht nur Fund- und Abfallmaterialien, sondern recycelt ebenso seine eigenen Arbeiten oder nutzt diese für alltägliche Bedürfnisse, beispielsweise Zeichnungen als Gardinen. Er bedient sich allem, was nicht niet- und nagelfest ist, und bemalt alles. Er lebt inmitten all dieser Dinge und gestaltet seinen Lebensraum zu einem wahren Environment. «Ich sammle überall Dinge auf», erklärt Krüsi, «die dann auf meinen Bildern enden – oder meine Bilder in ihnen.» Krüsi ist viel in der Natur unterwegs. Hier findet er Frieden. Er macht Ausfahrten mit seinem Mofa, zeltet im Wald, nimmt dort Töne auf Band auf, die er später spielerisch zu wahren Krüsi-Konzerten sampelt. Mit den Tieren spricht er mehr als mit Menschen. Mit Vergnügen identifiziert er sich mit dem als «dumm» verlachten Esel. Doch die Kuh ist Krüsis wichtigstes Tier – weil sie so treu sei, wie er einmal sagt. Kühe begleiten ihn sein Leben lang: gezeich­net, gemalt, als künstlerisch überarbeitete Werbebilder auf Milchpackungen oder in meter­langen Kuhstreifen für seine «Kuhmaschinen», mit denen er frei gestaltete Alpfahrten im «Lauf» lebendig werden lässt, wenn er an der Maschine kurbelt.

Hans Krüsi – vom «Blumenmannli» zum «Genie von der Strasse»

Nahezu märchenhaft klingt sein Weg vom verlachten Sonderling zum Kunstkometen. Gera­dezu paradigmatisch erfüllt Hans Krüsi die Merkmale eines Art Brut-Künstlers. Hans Krüsi (geb. 15.4.1920 in Zürich, gest. 9.9.1995 in St. Gallen) wächst in Speicher AR bei Pflege­eltern und im Waisenhaus auf. Eine frühe Tuberkuloseerkrankung belastet ihn zeitlebens. Er ist sozial vereinsamt, hat wenige Kontakte und familiäre Bindungen. Krüsi entfernt sich von bürgerlichen Ordnungen und Normen. Seine Wohnverhältnisse führen wiederholt zu Bean­standungen, Mahnungen, Zahlungsaufforderungen, gericht­lichen Verfügungen und Verwei­sen aus dem Haus. Zudem hält er auch noch Tauben in der Wohnung. Er führt ein Leben am Rande des Existenzminimums, das geprägt ist von Angst vor Zurechtweisung, Klage und Vertreibung. Er ist ein Sonderling, ein gesellschaftlicher Aussenseiter. Seinen Lebensunter­halt verdient er als Knecht, Gärtnergehilfe und ab 1948 über 30 Jahre lang als Blumenver­käufer an der Zürcher Bahnhofstrasse. Das Bahnfahren ist essenziell in Krüsis Leben. Er fährt fast täglich mit dem Zug von St. Gallen nach Zürich und ist als «Original» stadtbekannt. Die Bahn darf hier als erweiterter Lebensraum Hans Krüsis gesehen werden. 1975 beginnt er zu zeichnen und zu malen und bietet seine Bilder neben den Blumen für wenige Franken zum Kauf an – nicht selten verschenkt er sie auch zu den Blumen. Die erste Ausstellung hat Krüsi 1975/76 in der Blumengrosshandlung von Hans Fischer in St. Gallen. Der Durchbruch folgt 1981 mit einer Ausstellung in der St. Galler Galerie Buchmann und bei Anton Meier in Genf, 1990 zeigt das Museum im Lagerhaus die erste Retrospektive. Die Presse feiert den Blumenverkäufer als «Genie von der Strasse». Er kann schliesslich von der Kunst leben. Heute zählt Hans Krüsi zu den bedeutendsten Art Brut-Künstlern der Schweiz.

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