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Kunstmuseum Thurgau | Harald F. Müller – MONDIA

Eine anregende Reise durch die Farb- und Bildwelten des Künstlers Harald F. Müller

Die in der Kartause Ittingen gezeigte Auswahl von Werken demonstriert modellhaft die Funktionsweise der zeitgenössischen Kunst und skizziert in Verbindung mit Aktivitäten in seinem Arbeitsraum stratozero sowie Arbeiten im öffentlichen Raum eine innovative Vorstellung davon, was eine Kunstausstellung heute sein kann. Den Kern der Ausstellung bildet die grossformatige Fotografie «musique non stop», die Harald F. Müller 2020 für das Kunstmuseum Thurgau geschaffen hat.

Harald F. Müller, geboren 1950 in Karlsruhe, lebt und arbeitet zwischen Zürich und Stuttgart in Singen und gehört zu den profiliertesten Künstlern der Region. Er konnte europaweit mehrere Dutzend Kunstwerke im öffentlichen Raum realisieren – etwa in Kreuzlingen, im Prime Tower in Zürich oder auf dem Campus der Universität Stuttgart. Seit einigen Jahren nutzt der Künstler sein Atelier stratozero als Ort für eine grenzüberschreitende Auseinandersetzung von Kultur, Politik und Wissenschaft.

Universelle Fragestellungen

Die Verführung zum Schauen und Denken beginnt in der Ausstellung schon beim Titel «Mondia», der gleich im Eingangsbereich in grossen, blau gefassten Holzbuchstaben vor einer orange-roten Wand im Raum zu schweben scheint. Das Wort ist ein Fundstück, das Harald F. Müller bei Recherchen im heute nicht mehr existierenden Archiv der Aluminium-Walzwerke Singen (Alusingen) auf einer Fotografie einer Transportfirma aufgespürt hat. Dort prangt der Begriff auf der Blache eines Lastwagens. «Mondia» ist aber auch der Markenname von Fahrrädern oder Uhren, lässt sich als «Mon Dia» – also «Mein Diapositiv», meine Fotografie – lesen, und auf Rumänisch meint das Wort schlichtweg “Welt”. Der Künstler beschwört mit dem gefundenen Begriff also die ganze visuelle Welt und formuliert einen Anspruch: Seine Kunst beschäftigt sich mit universellen Fragen und Bildern.

Eine Sammlung aus Ausschnitten

Wie umfassend sein Interesse an Bildern ist, zeigen die sogenannten «Cuts», die «Ausschnitte», die unterschiedliche Formen annehmen können. Bei den «Ciba Noir» handelt es sich zum Beispiel um quadratische, nicht entwickelte Cibachromfotopapiere, die auf einer voluminösen Kartonkonstruktion vor farbigen Wänden montiert sind. Dieses spezielle Fotopapier, das heute kaum mehr benutzt wird, diente der Vergrösserung von Dias und zeichnet sich durch besondere Brillanz und Farbechtheit aus, weil die Farbpigmente direkt in die Fotoschicht eingelagert sind. Bevor es entwickelt wird, zeigt das Papier aber eine unspektakuläre braune Oberfläche. Jedes dieser blinden Quadrate enthält das Potenzial aller möglichen Bilder. Ähnliches gilt für die «Spiegelcuts», die – wie bei Spiegeln üblich – alles Sichtbare abbilden können. Die technologisch neueste Version des Spiels mit allen möglichen Bildern ist in der Ausstellung durch einen «Elektrocut» präsent. Auf dem quadratischen Bildschirm werden, gesteuert durch ein Computerprogramm, ausgewählte Bildelemente neu zusammengesetzt in den Ausstellungsraum eingespielt. Alle in der Ausstellung vertretenen «Cuts» thematisieren das unerschöpfliche Potenzial, das die massenhaft vorhandenen Bilder in der heutigen Welt enthalten.

Atemberaubende Farbräume

Obwohl sich Harald F. Müller nicht als Maler versteht, nimmt die Auseinandersetzung mit der Farbe in seinem Schaffen eine wichtige Stellung ein. Er analysiert die Werke von Farbmagiern wie Tizian, Cézanne, Matisse, Le Corbusier oder Rothko und verwandelt durch den grossflächigen Einsatz von präzis gewählten Farben die Ausstellung «Mondia» in einen Suggestivraum, in dem sich Besucher*innen immer wieder die grundsätzlichen Fragen zu Bild, Raum und Wahrnehmung stellen. Der grossflächige Farbeinsatz verbindet die Ausstellung mit Harald F. Müllers Arbeiten im öffentlichen Raum. Einer seiner atemberaubenden Farbräume kann nur wenige Schritte von der Ausstellung entfernt im Treppenhaus des unteren Gästehauses der Kartause Ittingen begangen werden. Hier zeigt sich eindrücklich, wie sich eine aktuelle Vorstellung von Malerei als räumliche Erfahrung realisieren lässt.

Analoge und digitale Räume

Weitere Farbräume des Künstlers sind in der Ausstellung in einer Präsentation des Konstanzer Fotografen Guido Kasper repräsentiert. Mit ihm wie mit dem Informatiker Patrick Jungk aus Stuttgart oder Fabian Winkler, Professor für Medienkunst an der Purdue University in den USA, pflegt Harald F. Müller regelmässige Kollaborationen. In solchen Projekten löst sich eine traditionelle Vorstellung von Autorschaft auf. Das Kunstwerk wird zu einem dynamischen Prozess, in dem Austausch und Erkenntnisgewinn wichtiger sind als die Herstellung eines Produkts. So versteht denn Harald F. Müller sein Arbeitsraum stratozero in Singen schon lange nicht mehr nur als Atelier, sondern als Bereich des gesellschaftlichen Austauschs, der Bildung und Forschung. Die Halle ist ebenso wie seine Arbeiten im öffentlichen Raum, ein integraler Teil der Ausstellung, wodurch diese weit über das Museum hinausgreift. In diesem Sinne zu verstehen ist auch die Internetseite, die anstelle eines Katalogs eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Werken von Harald F. Müller öffnet.

musique non stop

In Harald F. Müllers neuester Arbeit bilden ein Schallplattencover der deutschen Musikgruppe «Kraftwerk», zwei amerikanische Glühbirnen und der barocke Kirchenraum der Kartause Ittingen ein komplexes Vexierbild, in dem die Erfindung des elektrischen Lichts, die Digitalisierung der Bilderwelt und die Raumerfahrung als prägende Einflüsse auf die Wahrnehmung der Welt thematisiert werden. In «musique non stop» verschmelzen Schärfe und Unschärfe, Spiegelung und Wirklichkeit sowie Objekt und Zitat zu einem schillernden, ambivalenten Ganzen, in dem sich das Kunstwerk als Katalysator eines ausufernden Schauens und Denkens erweist.

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