Bereits seit 1990 erforscht das Kunsthaus Zug alternative Wege des Sammelns. | © © Bethan Huws, The Large Glass, 2013, Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm

Kunsthaus Zug | Die Sammlung zur Sammlung

Wie sammelt man heute Kunst? Das Kunsthaus Zug bietet Antworten und zeigt zudem das neuste fotografische Werk von Péter Nádas.

Die Sammlung klassischer Moderne des Kunsthaus Zug hat keinen Staub angesetzt. Immer wieder haben die Zuger zeitgenössische Künstler dazu eingeladen, sich mit der Sammlung auseinanderzusetzen und neue Werke im Dialog mit historischen Werken ihrer Wahl zu schaffen. Entstanden ist dabei das neuartige Sammlungsmodell «Die Sammlung zur Sammlung». Ein zweiter Schwerpunkt der Sommer-Ausstellung ist das fotografische Werk vom ungarischen Autor und Fotografen Péter Nádas.

Dynamische Kunstentwicklung
Was sind die Bedingungen einer Sammlung heute? Was ihre Zielsetzungen, ihre Beständigkeit? Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund der dynamischen Kunstentwicklung und ihrem Ausgreifen mit neuen technischen und medialen Möglichkeiten in die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft. Seit Bestehen des Kunsthaus Zug an seinem jetzigen Standort 1990 geht es in seiner Sammlungstätigkeit um die Reflexion dieser Themen. Unter dem Begriff „Projekt Sammlung“ wurden 1996 mehrjährige, prozesshafte Kooperationen mit hervorragenden Kunstschaffenden gestartet (Kawamata, Tuttle, Pepperstein, Eliasson, Rütimann, Signer). Sie sollen regelmässig wiederkehren und mit ihrer ortsbezogen Arbeit unter Einbezug der lokalen Bevölkerung für jene Kontinuität sorgen, die eine Sammlung garantiert. Vergänglichkeit wird akzeptiert im Bewusstsein eines verzeitlichten Museums als Teil der dynamischen Gesellschaft. Das Konzept fand als alternatives Modell zeitgenössischen Sammelns nationale wie internationale Beachtung und wird fortgesetzt.
Seit der Beheimatung der grossen Bestände Wiener Moderne und klassischer europäischer Moderne der Stiftung Sammlung Kamm im Kunsthaus Zug 1998 (Werkgruppen u.a. von Gerstl, Josef Hoffmann, Klimt, Schiele und Wotruba) werden Kunstschaffende in den Diskurs um die Sammlung einbezogen mit der Frage des Gegenwartsbezugs historischer Arbeiten. Seit 1998 haben sich Anna Margrit Annen, Heidulf Gerngross, Bethan Huws, Michael Kienzer, Pavel Pepperstein, Christoph Rütimann, Richard Tuttle, Till Velten und Heimo Zobernig in Ausstellungen damit auseinandergesetzt und neue Perspektiven auf vermeintlich Vertrautes und Prestigeträchtiges eröffnet.

Neue Art des Sammelns
Daraus hervorgegangen ist das neuartige Sammlungsmodell „Die Sammlung zur Sammlung“: eine Werkgruppe der oben genannten Kunstschaffenden mit spezifischen, für das Kunsthaus geschaffenen Arbeiten zu historischen Werken der Sammlung ihrer Wahl. Es geht hierbei also nicht um die kunsthistorische Weiterführung der Sammlung, vielmehr um den Dialog verschiedenartiger Werke über die Zeiten hinweg.
Über die Jahre sind Arbeiten entstanden, die ältere Werke neu interpretieren, losgelöst vom historischen Kontext. Bethan Huws beispielsweise hat sich ein blaues Glas des Wiener Architekten und Designers Josef Hoffmann ausgesucht und dazu eine neuartige, grosse Glas-Licht-Arbeit entwickelt. Till Velten hat sich für die Geschichte des in die Schweiz emigrierten Wiener Industriellen Ferdinand Bloch-Bauer interessiert, dessen silbernes Rasierset genauso in der Kunsthaus-Sammlung zu finden ist wie eine Gruppe Entwurfszeichnungen für das berühmte Porträt-Gemälde seiner Gemahlin, die Goldene Adele von Gustav Klimt. Christoph Rütimann hat mit einem Handlauf-Video den Weg sichtbar gemacht vom Kunsthaus durch die Stadt zurück bis zum Privathaus Kamm, wo sich die Privatsammlung Kamm einst befand. Historische Werke von Josef Hoffmann, Friedrich Kiesler, Gustav Klimt, Pablo Picasso, Egon Schiele, Fritz Wotruba u.a. bekommen dank solcher Dialoge einen Gegenwartsbezug, während die zeitgenössische Kunst in eine geschichtliche Perspektive gerückt wird. Mittelfristig erneuert sich die eigene Sammlung quasi aus sich selbst heraus in einem künstlerisch-kulturellen Prozess.

Kunst lagern und Vermitteln – gestern, heute und morgen
Passend zum Thema Sammlung stellen Ilya und Emilia Kabakov ihr bestehendes Projekt eines öffentlichen Sammlungsarchivs für das Kunsthaus Zug zur Diskussion: The Museum’s Archive ist eine geheimnisvolle, riesige Schatzkammer für Jung und Alt, wo Verborgenes für einige Augenblicke ans Licht kommt, um dann wieder abzutauchen ins schützende Dunkel des Archivs. Die architektonische Kunstinstallation stellt sich in den Dienst einer wichtigen Museumsaufgabe: der Lagerung und Vermittlung von Kunst. Aktuelle Abklärungen sollen ihre Machbarkeit als Erweiterung des Kunsthauses erweisen.
Im „Raum für die Besuchenden“ bekommen diese zudem Einblicke in die Vermittlungsprojekte zur Sammlung des Kunsthauses. Sie können in der „Stimmen-Sammlung“ sich auch Kommentare von Besuchenden zu einzelnen Werken der Sammlung anhören, die in den vergangenen zehn Jahren gesammelt wurden. Die Besuchenden vermitteln sich die Kunst damit quasi selbst. Ihre Stimmen sind ebenso archiviert und zugänglich gemacht wie die Kunstwerke der Sammlung.

Péter Nádas – Autor auf Reisen
Der zweite Teil der Sommer-Ausstellung ist eine Präsentation des neusten fotografischen Werks von Péter Nádas, dem ungarischen Autor und Fotografen. Es umfasst rund 50 Bilder und drei Videoarbeiten und wird ergänzt mit einer Auswahl älterer Arbeiten des Künstlers aus der Kunsthaus-Sammlung. Anlässlich seiner grossen Ausstellung von 2012 hat er dem Kunsthaus Zug sein fotografisches Gesamtwerk geschenkt.
Manch ein Besucher kennt Nádas von seiner vielfach preisgekrönten Literatur her. Gerade ist er auf Lesereise mit seinem autobiografisch angelegten belletristischen Werk Aufleuchtende Details (Deutsch 2017). Aufleuchtende Details sind es denn auch, die der Betrachter in seinem gesamten fotografischen Werk entdeckt – Licht ist ein Kernthema bei Nádas. Einmal im Schattenspiel der malerisch anmutenden schwarz-weiss Fotografien und Polaroids, meist dunkel und geheimnisvoll. Aber auch in den knalligen Handyfotografien, ein neues Medium, mit dem er seit einigen Jahren experimentiert. Flacher kommen diese Bilder daher, die nun erstmals zu sehen sind in der von Nádas selbst konzipierten Präsentation, gleichzeitig bunt leuchtend, frei und spielerisch heiter im Freien.

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