Aktuell ist die amerikanische Konzeptkünstlerin Eleanor Antin im Kunstmuseum Liechtenstein zu sehen — Anlass für arttv.ch, die sechs wichtigsten Künstlerinnen einer Kunstrichtung vorzustellen, in der das eigene Ich nicht dargestellt, sondern bewusst neu erfunden wird und die mit ihren Inszenierungen eines anderen Ichs die Kunstwelt nachhaltig veränderten.
Ich als Erfindung — Künstlerinnen, die sich selbst in Rollen neu schufen
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Von der Ballerina bis zur Diva, vom Medium bis zum Filmklischee: Sechs Künstlerinnen die ihr eigenes Leben zur Bühne machten.
Rollen statt Selbstporträt
Den in diesem Artikel vorgestellten Künstlerinnen ist ein fundamentaler Perspektivwechsel gemeinsam: Sie treten nicht länger als Objekte fremder Blicke auf, sondern als Autorinnen ihrer eigenen Bilder. Verkleidung, Performance und Inszenierung werden zu Werkzeugen der Selbstbestimmung. Identität erscheint dabei nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas, das hergestellt, gespielt und verändert werden kann. In einer Gegenwart, die von permanenten Selbstbildern geprägt ist, wirken diese Werke visionär. Sie zeigen, dass Selbstinszenierung nicht oberflächliche Selbstdarstellung bedeutet, sondern eine Möglichkeit, Kontrolle über das eigene Bild — und damit über die eigene Geschichte — zurückzugewinnen. Denn wer die Rolle erfindet, bestimmt auch, wie die Figur gesehen wird.
Eleanor Antin — Die Frau mit den vielen Leben
Wenn es eine Schlüsselfigur dieser künstlerischen Praxis gibt, dann ist es Eleanor Antin. Seit den 1970er-Jahren erschafft sie Alter Egos mit vollständiger Biografie, sozialem Umfeld und eigener Geschichte. Sie wurde zur alternden Ballerina, zur pflichtbewussten Krankenschwester oder sogar zum männlichen König von Solana Beach. Antin spielt diese Figuren nicht nur — sie lebt sie über längere Zeiträume hinweg in Fotografie, Texten und Performances aus. Damit verschiebt sie die Frage von «Wer bin ich?» zu «Wer könnte ich sein?» und macht Identität selbst zum künstlerischen Material.
Manon — Glamour, Einsamkeit und Selbstentblössung
Im Schweizer Kontext steht Manon für eine besonders intensive Form der Selbstinszenierung. In opulenten, oft melancholischen Bildwelten erscheint sie als Diva, Geliebte, Gefangene oder Verlassene. Werke wie «DAS LACHSFARBENE BOUDOIR» oder «HOTEL DOLORES» verbinden theatrale Opulenz mit existenzieller Verletzlichkeit. Anders als bei Antin entstehen hier keine klar abgegrenzten Figuren, sondern emotionale Zustände — dramatisierte Selbstentwürfe zwischen Verführung und Isolation.
Cindy Sherman — Das Gesicht der kulturellen Klischees
Cindy Sherman wurde weltberühmt, ohne jemals «sie selbst» zu zeigen. In ihren Fotografien verkörpert sie Filmfiguren, Hausfrauen, Aristokratinnen oder groteske Clowns — Rollen, die sofort vertraut wirken, obwohl sie nie existiert haben. Sherman entlarvt damit die visuellen Vorlagen, aus denen gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit entstehen. Das scheinbare Selbstporträt wird zur Analyse kultureller Stereotype.
Marina Abramović — Identität als Grenzerfahrung
Marina Abramović schlüpft weniger in Figuren als in existenzielle Rollen: Opfer, Zeugin, Medium oder spirituelle Autorität. In ihren Performances wird der eigene Körper zum Ort realer Erfahrung — Schmerz, Dauer, Präsenz. Identität entsteht hier nicht durch Kostüm, sondern durch Situation und Beziehung zum Publikum. Die Künstlerin wird Projektionsfläche und Akteurin zugleich.
Claude Cahun — Das Ich als Maskenspiel
Bereits in den 1920er-Jahren entwickelte Claude Cahun eine radikal moderne Vorstellung von Identität. In ihren Fotografien erscheint sie androgyn, maskiert oder bewusst künstlich. Geschlecht und Persönlichkeit wirken wie austauschbare Rollen. Cahun zeigt damit früh, dass das Selbst kein stabiler Kern sein muss, sondern ein wandelbares Gefüge von Möglichkeiten.
ORLAN — Transformation bis unter die Haut
Die französische Künstlerin ORLAN treibt die Selbstinszenierung ins Extreme. In chirurgischen Performances liess sie ihr Gesicht nach kunsthistorischen Schönheitsidealen verändern und wurde zur lebenden Collage aus ikonischen Frauenbildern. Hier wird Identität nicht nur gespielt, sondern physisch transformiert — eine radikale Kritik an normierten Körperbildern und der Vorstellung eines «natürlichen» Aussehens.






