Die Ausstellung «Seelenverwandtschaften» im Landesmuseum Zürich ist als kultur- und geistesgeschichtliche Schau angelegt. Sie widmet sich der Entdeckung der Psyche in der Schweiz – ausgehend von Carl Gustav Jung. Kunst spielt aber dabei eine zentrale Rolle, nicht als Selbstzweck, sondern als wesentliches Mittel zur Illustration psychologischer und geistiger Zusammenhänge. Dass die Urner Künstlerin Erna Schillig vertreten ist, darf als späte Anerkennung gewertet werden.
Erna Schillig, C. G. Jung und das Unbewusste
- Publiziert am 19. Januar 2026
Ein überraschender Fund: Über 30 Werke von Erna Schillig aufgetaucht
Im Zusammenhang mit Erna Schillig gibt es eine kleine Sensation: Eine Privatperson, angeregt durch das Buch Erna Schillig. Aufbruch zur Moderne und anlässlich eines Gespräches an der Buchvernissage am 27. September 2025 hat sich gemeldet – mit einem aussergewöhnlichen Bestand. In ihrem Besitz befinden sich über dreissig wunderschöne, bislang nicht erfasste Arbeiten der Künstlerin. Die Werke lagen jahrelang an verschiedenen Orten, ohne dass ihre kunsthistorische Bedeutung erkannt worden wäre. Erst die neue Forschung hat dafür das Bewusstsein geschärft.
Obwohl die Person ungenannt bleiben will, hat sie zugestimmt, dass die Arbeiten registriert, fotografiert und in der Webseite www.ernaschillig.ch dem Werkverzeichnis angefügt werden. Ein wichtiger Schritt – und ein Indiz dafür, dass Erna Schilligs Œuvre noch weitere Überraschungen bieten könnte.
Eine Urner Künstlerin im internationalen Kontext
Der Umstand, dass Erna Schillig aktuell im Landesmuseum Zürich gezeigt wird – Schulter an Schulter mit Grössen wie Johann Heinrich Füssli, Rudolf Steiner Meret Oppenheim, Emma Kunz und Thomas Hirschhorn – ist wohl das Ergebnis ihrer jüngeren Wiederentdeckung. Mit der Website ernaschillig.ch und dem vom Kunsthistoriker Beat Stutzer konzipierten Buch Erna Schillig. Aufbruch zur Moderne (Scheidegger & Spiess) wurde ihr Werk erstmals fundiert aufgearbeitet. Diese Forschung findet nun Eingang in eine nationale Institution.
Briefe an Jung – das Unbewusste als Lebenserfahrung
Erna Schillig ist in der Ausstellung «Seelenverwandtschaften» im Landesmuseum mit drei Entwürfen für Wandteppiche in der Ausstellung vertreten. Zudem ist ihr erster von mindestens fünf Briefen zu sehen, den sie am 1. Juli 1947 an C. G. Jung schrieb. Darin wendet sich Schillig in einer persönlichen Krise an den weltberühmten Psychiater und bittet ihn um Hilfe – und formuliert dabei eine Erfahrung, die ihr weiteres Leben und Arbeiten prägen sollte. So schreibt sie: «Vor zwei Jahren wurde ich nach schwerer Operation gelähmt. […] Es lag eine periphere Nervenschädigung vor, doch vermutete meine Freundin, eine Ärztin, dass psychogene Ursachen vorliegen, zumal sie wusste, dass ich im Spital durch Zufall in demselben Zimmer lag, in welchem mein Geliebter starb.» Weiter schreibt sie, dass sie sich auf den Rat dieser Freundin in psychotherapeutische Behandlung begeben habe. Dennoch bleibe sie, wie sie Jung anvertraut, «heute noch schwach, verstört, verwirrt» – und stellt schliesslich jene Frage, die den Kern ihres Anliegens trifft: warum seelisches Leid durch bittere Bekanntschaft mit sich selbst geheilt werden müsse. Diese Frage wünsche sie sich sehnlichst von C. G. Jung beantwortet. Der Brief macht deutlich: Das Unbewusste ist für Schillig, die sich bei C. G. Jung später auch in Therapie begab, kein theoretischer Begriff, sondern Teil einer existenziellen Erfahrung – und Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung, die nicht illustriert, sondern strukturiert.
Meret Oppenheim und der «umgekehrte Baum»
Schillig teilt sich in der Ausstellung eine Wand mit Meret Oppenheim, die ebenfalls im brieflichen Austausch mit Jung stand. Oppenheim gehört zu den international bekanntesten Schweizer Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und schuf mit dem Objekt Déjeuner en fourrure (1936, Museum of Modern Art, New York) – eine mit Pelz überzogene Tasse mit Unterteller und Löffel –, ein Schlüsselwerk des Surrealismus Oppenheims Werk kreist um Fragen des Unbewussten, um Verwandlung, Erotik und Bedeutungsverschiebung. Nach der Lektüre von Jungs Buch Von den Wurzeln des Bewusstseins wandte sie sich an ihn und bezog sich auf das Bild des «umgekehrten Baums», dessen Wurzeln im Unbewussten liegen. Oppenheim hielt fest, dass sie diese Erfahrung bereits künstlerisch formuliert habe – in ihrem Werk «Le Paradis est dans la Terre».
Heidi Bucher – der Raum spricht zurück
In der Ausstellung ist ist auch eine Arbeit von zu sehen, die sie 1988 im ehemaligen Konsultationszimmer von Ludwig Binswanger im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen realisierte. Das Bellevue war eine international bedeutende private psychiatrische Klinik, in der Binswanger seit 1907 eine existenzanalytische Form der Psychoanalyse entwickelte. Bucher löste in diesem Raum die Wände mit Gaze und Latex ab und machte den Raum selbst zum Werk. Die Arbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Psychoanalyse, insbesondere mit den Erfahrungen von Patientinnen, die im therapeutischen Kontext mundtot gemacht wurden. Die abgezogene Wand fungiert als materieller Träger von Erinnerung, Machtverhältnissen und verdrängter Erfahrung – nicht symbolisch, sondern konkret.

Das berühmte Rote Buch von C. G. Jung
Gemeinsamer Nenner: die Psyche
Gemeinsam ist den in der Ausstellung vertretenen Kunstschaffenden nicht ein Stil oder eine Epoche, sondern die Auseinandersetzung mit inneren Bildern, geistigen Modellen und psychischer Erfahrung. Die Arbeiten von Thomas Hirschhorn thematisieren psychische Überforderung, Fragmentierung und Daueranspannung als gesellschaftlichen Zustand und übertragen innere Konflikte in raumgreifende, bewusst ungeschützte Installationen. Johann Heinrich Füssli gilt als früher Vorläufer psychologischer Bildwelten: Seine Darstellungen von Traum, Angst und Nachtseiten der Seele antizipieren zentrale Motive der späteren Tiefenpsychologie. Die Zeichnungen von Emma Kunz entstehen aus einem meditativen Prozess und verstehen sich als visuelle Ordnungen innerer Energien und geistiger Zustände. Rudolf Steiner wiederum versuchte, seelische und geistige Vorgänge systematisch zu erfassen und in Diagrammen und Zeichnungen sichtbar zu machen – an der Schnittstelle von Denken, Wahrnehmung und spiritueller Erfahrung. Dass Erna Schillig in diesem Kontext sichtbar wird, ist eine späte Wiedergutmachung: Ihr Werk wurde lange übersehen, während ihre männlichen Zeitgenossen den kunsthistorischen Kanon bestimmten.
