Das Museum Haus Konstruktiv eröffnet sein Jahresprogramm mit einer umfassenden Retrospektive des Schweizer Künstlers Richard Paul Lohse (1902–1988). Über 50 Werke – Gemälde, Entwürfe und Konstruktionszeichnungen – zeigen Lohses Weg von frei schwebenden geometrischen Formen zu streng orthogonal strukturierten, nicht-hierarchischen Bildsystemen, die seine Vision einer modernen, demokratischen Gesellschaft widerspiegeln.
Eine Schlüsselfigur der Zürcher Konkreten im Haus Konstruktiv
- Publiziert am 26. Januar 2026
Eine Ausstellung des Museum Haus Konstruktiv in Kooperation mit der Richard Paul Lohse-Stiftung, dem MASI Lugano, dem Josef Albers Museum, Bottrop, und dem Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein
Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erschienen (d/e/i). Mit Beiträgen von Tobia Bezzola, Evelyne Bucher, Taisse Grandi Venturi, Sabine Schaschl und Linda Walther.
Kunst mit gesellschaftlicher Verantwortung
Richard Paul Lohse, Zürcher Künstler, Grafiker und Theoretiker, zählt zu den Schlüsselfiguren der konstruktiv-konkreten Kunst. Seine Arbeit ist geprägt von der Überzeugung, dass Ästhetik ohne gesellschaftliche Verantwortung nicht denkbar ist. Nach einer entbehrungsreichen Jugend setzte sich Lohse zeitlebens für soziale Gleichheit ein, engagierte sich kulturpolitisch und politisch. «Meine Arbeiten», erklärte er, «versuchen ein Bild davon zu geben, wie die Strukturen der Welt verbessert werden könnten.» Er war Mitbegründer der Künstlervereinigung Allianz, initiierte zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland und engagierte sich gegen den Faschismus in Deutschland, Frankreich und Italien.
Vom Entwurf zum Bild
Lohses Entwürfe, Konstruktionszeichnungen und Farbtabellen zeigen, wie er seine Bildkompositionen Schritt für Schritt entwickelte: Viele Arbeiten basieren auf festen Zahlensystemen, mathematischen Prinzipien und seinem Konzept der modularen und der seriellen Ordnungen. Häufig liegen Konzeption und Ausführung Jahre auseinander – erkennbar an den charakteristischen Doppeldatierungen. Wegweisende Impulse hatte Lohse von der niederländischen De-Stijl-Bewegung und dem russischen Konstruktivismus erhalten. Ab den frühen 1940er-Jahren schuf er orthogonal strukturierte Bildfelder, in denen alle Farben und Formen gleichwertig sind. Werke wie Vertikaler Rhythmus (1942) sowie die grossformatigen Variationen Serielles Reihenthema in achtzehn Farben (Variation A, B, C; 1981/1982) veranschaulichen eindrucksvoll seine auf System und Logik basierende Arbeitsweise. Sie veranlasste ihn zu der augenzwinkernden Behauptung: «Meine Bilder kann man durchs Telefon geben.»
Internationale Bedeutung
Als Mitglied der Zürcher Konkreten – gemeinsam mit Max Bill, Camille Graeser und Verena Loewensberg – setzte sich Lohse intensiv für die Anerkennung der konstruktiv-konkreten Kunst ein. International machte ihn die Teilnahme an der Biennale von São Paulo (1965), an der documenta 4 (1968) und 7 (1982) in Kassel sowie an der Biennale von Venedig (1972) bekannt. Rückblickend zeigt die Ausstellung, wie Lohses systematische Malerei Entwicklungen vorwegnahm, die später in der Farbfeldmalerei, der Minimal Art und der konzeptuellen Kunst zentral wurden.
(Textgrundlage: Museum Haus Konstruktiv)
