Vom 21. März bis 14. Juni 2026 präsentiert das Kunsthaus Zofingen mit «Cut it!» eine Ausstellung, in der Papier und Karton ihre ganze räumliche Wucht entfalten. Zu sehen sind Arbeiten von Nicolas Bernière, Ursula Rutishauser und Bruno Weber. Im Fokus stehen Papier und Karton als Arbeitsmaterialien sowie unterschiedliche Schnitt- und Konstruktionstechniken – von traditionellen Papierschnitten bis zu grossformatigen Installationen, die ganze Ausstellungsbereiche einnehmen.
CUT IT! – Papier wird zum Raum
- Publiziert am 1. Februar 2026
Drei künstlerische Positionen zeigen, wie Schneiden, Falten und Konstruieren Papier und Karton in unterschiedliche räumliche Formen überführen.
Papier und Karton in der Kunst – ein kurzer Kontext zu «Cut it!»
Papier gehört seit der Frühen Neuzeit zu den grundlegenden Materialien der Kunst, wurde jedoch über lange Zeit vor allem als Träger für Zeichnung, Druckgrafik und vorbereitende Entwürfe genutzt. Seine Funktion war dienend, unterstützend, selten autonom. Erst mit dem Scherenschnitt des 18. und 19. Jahrhunderts begann sich Papier als eigenständiges künstlerisches Medium zu etablieren. Das Schneiden wurde zur formgebenden Handlung, Ornament und Narration entstanden nicht mehr auf dem Papier, sondern durch das Papier selbst.
Einen entscheidenden kunsthistorischen Wendepunkt markieren die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts. In den Collagen des Kubismus – etwa bei Pablo Picasso und Georges Braque – wurde Papier erstmals als reales Material in das Bild integriert und nicht länger als reine Oberfläche verstanden. Parallel dazu nutzte Kurt Schwitters in seinen Merz-Arbeiten Karton, Verpackungsmaterial und Fundstücke, um bewusst mit der Materialität des Alltags zu arbeiten und die Grenzen zwischen Kunstwerk und Gebrauchsobjekt aufzulösen. Mit den «Papiers découpés» von Henri Matisse schliesslich wurde das Schneiden selbst zur zeichnerischen Geste: Farbe, Linie und Form entstanden direkt im geschnittenen Papier, das Bild entwickelte sich aus dem Prozess.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann Papier zunehmend räumliche Autonomie. Künstler:innen begannen, das fragile Material skulptural und installativ einzusetzen, es zu falten, zu schichten, in den Raum auszudehnen oder begehbar zu machen. Papier und Karton wurden zu eigenständigen Werkstoffen, mit denen Fragen von Raum, Körper, Bewegung und Wahrnehmung verhandelt werden konnten.
Heute stehen Papierarbeiten nicht mehr im Dienst eines Bildes, sondern strukturieren Raum, Wahrnehmung und Bewegung – ein Ansatz, den «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen exemplarisch sichtbar macht.
Erdgeschoss: Kartoninstallationen von Nicolas Bernière
Nicolas Bernière (*1970 in Paris, lebt und arbeitet in Bern und Paris) bespielt das gesamte Erdgeschoss mit einer gross angelegten Installation aus Papier und Karton. Er entwickelt mehrere thematisch voneinander abgegrenzte Räume, die dennoch visuell ineinanderübergehen. Zu sehen sind unter anderem ein Wald mit Bäumen, Vögeln und Lianen, ein Kinderzimmer mit Möbeln, Spielsachen und Objekten aus Karton sowie ein Atelier mit Werkzeugen wie Schere, Cutter, Stiften und Arbeitsflächen. Die einzelnen Elemente sind vollständig aus Karton gefertigt und teils farbig bemalt. Die Installationen breiten sich in alle Richtungen des Raumes aus, nutzen Boden, Wände und Decke und nehmen den gesamten Ausstellungsbereich ein. Durch die grossen Rundbogenfenster sind Teile der Arbeit bereits von aussen sichtbar. Ergänzend zu den raumfüllenden Setzungen werden kleinere Kartonarbeiten auf Sockeln und Wandregalen präsentiert, die Einblick in Bernières Arbeitsweise und Materialbearbeitung geben.
Obergeschoss: Barocksaal von Ursula Rutishauser
Ursula Rutishauser (*1955 in Aarau, lebt und arbeitet in Baden und Untersiggenthal) gestaltet den Barocksaal im Obergeschoss mit einer raumbezogenen Installation aus Papier. An der Stirnwand hängt das fortlaufende Werkensemble «RESPECT», bestehend aus aus Papier geschnittenen Kleidungsstücken, die jeweils mit Namen versehen sind. Die Arbeiten sind wandfüllend installiert und prägen die Raumwirkung des Saals. Im Zentrum des Barocksaals befindet sich eine grossformatige Festtafel aus Papier. Tischtuch, Teller, Gläser, Flaschen, Servietten und weitere Elemente sind aus Papier gefertigt und auf einer langen Tafel arrangiert. Die Arbeit basiert auf Fotografien realer Mahlzeiten, die von der Künstlerin bearbeitet und geschnitten wurden. Ergänzend sind auf dem Balkon sowie im Innenraum weitere Arbeiten installiert, die mit Papier, papierähnlichen Materialien und Metall umgesetzt sind und gezielt mit Licht- und Schatteneffekten arbeiten.

Papierschnitt und Fensterarbeit von Bruno Weber
Bruno Weber (*1954 in Vordemwald, lebt in Glashütten bei Murgenthal und arbeitet in Vordemwald) zeigt im Kunsthaus Zofingen eine Auswahl klein- bis mittelformatiger Papierschnitte, die in den letzten Jahren entstanden sind. Charakteristisch für seine Arbeiten ist der konsequente Einsatz des Messers anstelle der Schere sowie der Verzicht auf klassische Randbegrenzungen. Die Bildschwerpunkte sind unterschiedlich gesetzt, teilweise auch im oberen Bereich der Arbeiten, wodurch eine ausgeprägte Tiefenwirkung entsteht. Neben den gerahmten Arbeiten im Innenraum gestaltet Bruno Weber eines der grossen Rundbogenfenster des Ausstellungshauses. Damit wird der Papierschnitt in einen architektonischen Kontext eingebunden und sowohl von innen als auch von aussen wahrnehmbar. Die Präsentation gibt einen Überblick über Webers aktuelle Arbeitsweise und seine formale Weiterentwicklung innerhalb des Papierschnitts.
Kontext

Merz-Arbeiten von Kurt Schwitters (1920er-Jahre) zeigen einen frühen, wegweisenden Umgang mit Papier und Karton als eigenständigem Material. Die Arbeiten bilden einen wichtigen historischen Bezugspunkt für die Ausstellung «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen.
«Papiers découpés» von Henri Matisse (1950er-Jahre) zeigen einen entscheidenden Moment der Moderne, in dem das Schneiden selbst zur zeichnerischen Praxis wird. Farbe, Form und Komposition entstehen direkt im geschnittenen Papier – ein historischer Bezugspunkt für die Ausstellung «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen, die Papier als eigenständiges künstlerisches Medium ins Zentrum rückt.


