Ausstellungen
© Bündner Kunstmuseum Chur | Saalansicht «Venedigsche Sterne» mit Stickereien von Johanna Natalie Wintsch aus den Jahren 1922-1924 (Wand links), von Louise Bourgeois, Polar Star, 2008 (hinten Mitte) und Untitled, 1996 (rechte Seite), sowie historischen Stickereien aus dem Rätischen Museum (alle Vitrinen)

Bündner Kunstmuseum | Venedigsche Sterne. Kunst und Stickerei

Auf den Spuren der Einflüsse der einheimische Textilkunst

Die Stickerei und insbesondere der Kreuzstich haben in Graubünden eine grosse Tradition und fanden im Engadin und in anderen Regionen und Tälern des Kantons eigene Ausprägungen. Die reiche Stickerei-Sammlung im Rätischen Museum bietet Anlass, die lokale Stickerei in einem erweiterten Kontext zu betrachten. Gleichzeitig wird aus der Perspektive der zeitgenössischen Kunst die Aktualität und das besondere Potenzial der Stickerei hervorgehoben.

Die von Stephan Kunz und Susann Wintsch kuratierte Ausstellung zeigt neben der historischen Stickerei aus Graubünden Werke von
Véronique Arnold (F), Latifa Attaii (AFG), Alice Bailly (CH), Eliza Bennett (GB), Alighiero Boetti (I), Louise Bourgeois (F/USA), Rehab Eldalil (EGY), Susan Hefuna (D/EGY), Gözde İlkin (TR), Ernst Ludwig Kirchner (D), Isa Melsheimer (D), Marisa Merz (I), Irene Posch (A), Elaine Reichek (USA), Jean-Frédéric Schnyder (CH), Rozita Sharafjahan (IR), Annegret Soltau (D), Sophie Taeuber-Arp (CH), wiedemann/mettler (CH), Jeanne Natalie Wintsch (POL/CH).

Kulturtechniken und kulturelle Aneignung

«Venedigsche Sterne» zeigt Stickerei aus Graubünden und stellt sie Werken von internationalen Künstler:innen gegenüber. Dabei wird deutlich, dass die kunsthandwerkliche Tradition Graubündens von Anfang an aus verschiedenen Kulturen genährt war und ein reicher Schatz unterschiedlicher Muster Eingang in repräsentative Tücher und Kleider fand. Die traditionelle Stickerei wirft dabei Fragen auf, die sich heute vor dem Hintergrund anderer gesellschaftlicher und kultureller Erfahrungen neu stellen.

Einfluss auf die Avantgarde

Die weiblich konnotierte Handarbeit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgewertet und gefördert, gleichzeitig haben Künstler:innen wie Sophie Taeuber-Arp, Alice Bailly und Ernst Ludwig Kirchner wesentlich dazu beigetragen, der Kunst der Avantgarde aus dem Geist des Kunstgewerbes neue Impulse zu verleihen. Sie haben künstlerische Textilien geschaffen, die selbstverständlich neben Gemälden und Zeichnungen ausgestellt wurden.
Jahre später greifen sie wiederum zu Nadel und Faden oder schlagen, wie Alighiero Boetti oder Susan Hefuna, mit ihren Werken Brücken über Grenzen und Kulturräume hinweg. Gegenwartskunst mit Stickerei will die traditionelle Ästhetik hinterfragen und aufbrechen. So verwendet Louise Bourgeois für ihre Werke Kleidungsstücke und macht sie zu Trägern emotionaler und psychologischer Zustände. Eliza Bennett, die in ihre eigene Hand stickt, oder Véronique Arnold, die Stickerinnen porträtiert, weisen auf die Arbeitsbedingungen in Industrie und privatem Haushalt hin.

Fäden, Stoffe und Feminismus

Die amerikanische Konzeptkünstlerin Elaine Reichek analysiert seit den 1970er Jahren, wie der Faden als Mittel weiblicher Ermächtigung in der antiken Mythologie auftritt und wie diese Geschichten in der europäischen Malerei weiterentwickelt wurden. Dagegen hält die in der Türkei lebende Künstlerin Gözde Ilkin Figuren auf der Wanderschaft auf Leintüchern und Bettüberzügen fest und entwickelt so eindrückliche Bilder über die Suche nach dem Zuhause. Zeitgenössische Künstler:innen geben Nadel und Faden so eine neue Kraft, um die Welt von heute poetisch und gesellschaftskritisch zugleich zu ersinnen.

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