Wer heute jüdische Themen auf die Bühne – oder im konkreten Fall auf die Kinoleinwand – bringt, bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Erwartung, Emotion und politischer Aufladung. Seit dem Hamas-Terror vom 7. Oktober und Israels brutalem Krieg in Gaza ist kaum ein kultureller Ausdruck unberührt geblieben. Das jüdische Filmfestival YESH! stellt sich 2026 bewusst dieser Realität – und bleibt seiner Linie treu: offen, streitbar, diskursiv.
Wer aktuell Jüdisches veranstaltet, riskiert Widerstand, auch in den eigenen Reihen
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YESH! für Schule und Jugend
Neben zahlreichen Schweizer Premieren werden viele ausgezeichnete Werke zu sehen sein. Filmschaffende und Expert:innen sind vor Ort. Für Primarschulen läuft der Krimi DAS GEHEIME STOCKWERK, der Fluchthilfe, Antisemitismus und Widerstand kindgerecht thematisiert. Jugendliche der Oberstufe begegnen mit DAS UNWORT einem unverkrampften Umgang mit dem Jüdischen.
Ja zum Diskurs
Wie israelkritisch darf ein jüdisches Filmfestival sein? Darf man einen amerikanischen Juden zeigen, der sagt: «Die Kibbuzim sind auf den Ruinen arabischer Dörfer gebaut» (HOLDING LIAT)? Ist es legitim, Benjamin Netanyahu mit überheblicher Chuzpe auf Korruptionsvorwürfe reagieren zu sehen (THE BIBI FILES)? Soll ein jüdisches Festival Palästinenser begleiten, die sich von Kämpfern zu Pazifisten wandelten (THERE IS ANOTHER WAY)? YESH! sagt 2026 bewusst «Ja!» zu diesen Fragen. Nach einer Pause 2025 aus terminlichen Gründen kehrt das Festival zurück – nicht leiser, sondern entschlossener. Die Haltung bleib, dass nicht Propaganda und Vereinfachung in komplexen Zeiten weiterhelfen, sondern Skepsis, Toleranz und Offenheit. Aber wohl auch in erster Linie Anteilnahme. YESH! will dann auch alles andere als provozieren, sondern zur Diskussion anregen. Das Publikum soll den Filmen kritisch und diskursiv begegnen. Nicht alle Wunschfilme darf das Festival nach eigenen Angaben zeigen: Skandar Coptis palästinensisches Familiendrama HAPPY HOLIDAYS und die israelische Farce LOST IN TERRITORIES wurden von den Rechteinhabern nicht freigegeben. Boykotte, die das Festival akzeptieren muss – auch wenn es diese nicht versteht.
Jüdisch in all seinen Facetten
Zentral bleibt der Anspruch, das Jüdische in seiner ganzen Vielschichtigkeit sichtbar zu machen. Amichai Lau-Lavie verkörpert diesen Reichtum schillernd: Dragqueen, Samenspender, Orthodoxie-Virus – und Rabbi (SABBATH QUEEN). Stark vertreten ist auch der jüdische Humor: Köstlich bizarr versucht eine New Yorker Upper-Class-Familie, am Sabbath eine Leiche loszuwerden (BAD SHABBOS). Berührend erzählt PINK LADY von der Chassidin Bati, die ein viertes Kind will – während ihr Mann Lazer mit seiner eigenen sexuellen Identität ringt.
Internationale Leinwand
Zu YESH! gehören auch künstlerisch herausragende Werke. In HOUSES findet Veronica Nicole Tetelbaum in Schwarzweiss Bilder für die Katharsis einer nonbinären Hauptfigur. BROTHER VERSES BROTHER begleitet die Zwillinge Ari und Ethan Gold in einem einzigen Take durch San Francisco – schwatzend, musizierend, witzelnd. KNOW HOPE porträtiert Adam Yekutieli, der mit seiner Kunst tief in die israelisch-palästinensischen Vernarbungen eindringt. Mit zahlreichen Ophir-Awards wurden COME CLOSER und THE SEA ausgezeichnet. YESH! zeigt 2026 sechs Komödien, zehn Dokumentarfilme, einen Thriller und dreizehn Dramen. Die Genres fliessen ineinander: Der Thriller ist komisch (GUNS & MOSES), die Komödie dramatisch (THE PROPERTY), das Drama dokumentarisch (BROTHER VERSES BROTHER). Gezeigt werden Filme aus Frankreich, Argentinien, Deutschland, den USA, Polen und Israel. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil (VIE PRIVÉE), Amanda Peet (FANTASY LIFE), Lior Ashkenazi (JINXED), Fanny Ardant, Mathieu Kassovitz (LES ROIS DE LA PISTE) und Lars Eidinger (DEAD LANGUAGE) stehen bekannte Namen auf der Leinwand.


