Rezensionen
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Unrueh

Cyril Schäublins zweiter Langspielfilm «Unrueh» fordert unsere Sehgewohnheiten heraus

Nach seinem Debüt «Dene wos guet geit» hat der Zürcher Regisseur seinen Stil weiterentwickelt: Mit höchster kompositorischer Sorgfalt verknüpft er die für ihn typischen kunstvollen Totalen und extremen Close-ups, die die Handwerkskunst feiern, mit einer klaren politischen Haltung und macht durch Verfremdung und Ironie deutlich, wie aktuell und universell sein Thema ist.

Unrueh | Synopsis

Neue Technologien verändern eine kleine Uhrmacherstadt in der Schweiz des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die junge Fabrikarbeiterin Josephine stellt das mechanische Herzstück der Uhren her, die ‹Unrueh›. Während sie sich neuen Formen der Organisation von Geld, Zeit und Arbeit ausgesetzt sieht, beginnt sie sich in der lokalen Bewegung der anarchistischen Uhrmacher zu engagieren. Dort begegnet sie dem russischen Reisenden und Kartographen Pyotr Kropotkin. Cyril Schäublins erster Langspielfilm «Dene wos guet geit» (2017) wurde an Festivals rund um den Globus gefeiert und mehrfach prämiert. Mit «Unrueh» geht der Regisseur, der ein Nachkomme einer Nordwestschweizer Uhrmacherfamilie ist, zurück zu seinen familiären Wurzeln – und weist darüber hinaus auch in die Gegenwart. Sein Film spielt in einer Epoche technologischer Umbrüche und damit einhergehenden markanten Veränderungen der sozialen Ordnung, die bis in die aktuelle Zeit hineinwirken. Ein facettenreicher, formal und schauspielerisch herausragender, durch Sprachwitz glänzender Spielfilm, an der Berlinale 2022 in der Sektion ‹Encounters› mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

Unrueh | Regie

Regisseur Cyril Schäublin wurde 1984 in Zürich geboren und entstammt einer Uhrmacherfamilie. Er studierte Mandarin und Film an der Zhong Xi Academy in Peking und anschliessend Filmregie an der DFFB in Berlin. Nach Abschluss des Studiums kehrte er in die Schweiz zurück. Sein Langfilmdebüt, «Dene wos guet geit», feierte in Locarno Premiere und gewann eine Reihe an Auszeichnungen, darunter den Preis für den besten Film beim Edinburgh International Film Festival. «Unrueh» ist sein zweiter abendfüllender Spielfilm.

Unrueh | Weitere Stimmen

«Wunderbarer Sprachwitz, maximal entschleunigt.» – Neue Zürcher Zeitung | «Etwas vom Besten, was der europäische Film aktuell zu bieten hat.» – TAZ – Die Tageszeitung | «Verspielt und leichtfüssig erzählt.» – Variety | «Ein eigenwilliger Film, dessen ruhig fliessende Erzählung im Auge des Betrachters ruht, aber unter dessen Oberfläche eine subversive Unruhe tickt.» – Cornelis Hähnel, cinema.ch |  «Ein schillerndes, kluges Gesellschaftsporträt zwischen Spott und Empathie, Sanftmut und Zorn, Liebe und Revolution.» – Lucas Barwenczik, filmstarts.de | Der beste Film der diesjährigen Berlinale – New York Times

Rezension

von Doris Senn

St-Imier 1872. Ein Städtchen im Schweizer Jura. Die Uhrenindustrie floriert und sorgt für ein leidliches Auskommen der Ansässigen. Insbesondere der Frauen, die die «Unruh» – eine kleine Spirale auf einem winzigen Rädchen – anbringen, was für Zeitgenauigkeit sorgt und das eigentliche «Herz» der mechanischen Uhr darstellt. Die immer ausgeklügeltere Zeitmessung bestimmt aber auch den immer schnelleren Arbeitsrhythmus – und dies bei kargem Lohn und überlangen Arbeitszeiten. So beginnen sich die Arbeitenden zu organisieren, was nicht zuletzt den Kartografen Pjotr Kropotkin, der – historisch verbürgt – ein paar Wochen im Jura verbrachte, zum Anarchismus brachte.

Verspielt und gewitzt
Der Filmemacher Cyril Schäublin lässt locker und leichtfüssig die historische Epoche in Szenen aufleben, die wie kleine Sketchs anmuten und die «Zeit» auf gewitzte Weise zum Thema machen. Dabei ist es eine Ära, die nicht nur aufgrund ihrer technischen Neuerungen im Aufbruch ist, neben
der Zeitmessung gibt es neu Züge, Telegrafen und die Fotografie. Auch gesellschaftlich kommt es zu Umbrüchen, worauf auch der zweideutige Titel hindeutet. Schäublin arbeitete mit Laiendarsteller:innen – erfrischend eigenwillige Gesichter! –, die aufgrund ihres realen Metiers Affinität zu ihren Charakteren aufwiesen. Kollektiv suchten sie nach einer «Sprache der Vergangenheit», was in ungestelzten Dialogen in Französisch und breitestem Berndeutsch mündete.

Unkonventionelle Ästhetik
Ungewöhnlich sind auch die Bildkompositionen, für die, wie in Schäublins international gefeiertem Debüt «Dene wos guet geit» (2017), Silvan Hillmann die Kamera führt. Wie dort sind es lange Totalen mit einer fast beiläufig anmutenden Kamerapositionierung, wo durchaus eine Säule oder ein Baum «die Sicht versperrt» und die Akteur:innen sich «irgendwo» am Rand bewegen. Eine Bildkomposition, die der Film wiederholt selbst zum Thema macht: So scheint der Fotograf mit seiner neuen Technik und Apparatur allgegenwärtig im Tal. Er handelt mit Bildern, wobei die Nachfrage den Preis bestimmt und macht Auftragsfotografien. Dabei treten immer wieder Menschen in «sein» Bild, die «umgeleitet» werden müssen, was für amüsante Momente sorgt.

Schäublins Familiengeschichte Der 38-jährige Regisseur selbst stammt aus einer jurassischen Uhrmacherfamilie und befragte schon früh – die Idee für den Film hatte er schon in der Filmschule – Grossmutter und Grosstanten zu ihrem damaligen Leben und ihrer Arbeitswelt. Ihnen erweist er nun in seinem neusten Werk eine wunderbar liebenswürdige Hommage.

Fazit: «Unrueh» ist ein unkonventionelles Porträt einer historischen Zeit, das auf leichtfüssige Art und Weise eine bedeutende Epoche der Schweizer Arbeitergeschichte aufleben lässt. Mit einem aufregenden Cast, einer eigenwilligen Ästhetik und viel Charme.

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