Ein Lehrer verliert seine Stelle – nicht wegen seiner Arbeit, sondern wegen seiner sexuellen Orientierung. Am Theater Neumarkt Zürich wird dieser reale Fall aus dem Zürcher Oberland zum Theaterstoff. Regisseur Piet Baumgartner, der den Text gemeinsam mit Julia Reichert und Karen Klötzli entwickelt hat und auch Regie führt, macht daraus ein Stück über Vorurteile, gesellschaftlichen Druck und die Frage, wie tolerant unsere Gesellschaft tatsächlich ist.
Wer hat Angst vor einem schwulen Lehrer?
Zur Regie: Piet Baumgartner
Der Schweizer Regisseur und Visual Artist pendelt zwischen Zürich und Paris und arbeitet transdisziplinär mit Film, Theater und bildender Kunst. Sein Spielfilm-Debüt Bagger Drama gewann 2024 am San Sebastián International Film Festival den prestigeträchtigen Kutxabank-New Directors Award – ein starkes Signal für Baumgartners Talent und ästhetische Sprache. Für das Stück «Schwuler Lehrer!» schrieb er zusammen mit Julia Reichert und Karen Klötzli den Text – und bringt damit seine filmische Klarheit und thematische Schärfe auf die Bühne.
Für uns gesehen haben das Stück Georg Kling und Felix Schenker
Ein lokaler Fall mit nationaler Sprengkraft
Der Ausgangspunkt ist ein Ereignis, das viele irritierte: Ein homosexueller Primarschullehrer gerät nach einer Unterrichtseinheit zur Sexualkunde unter Druck. Einzelne Eltern stellen seine Eignung als Lehrperson infrage, Gerüchte verbreiten sich, und aus einer pädagogischen Situation wird plötzlich ein gesellschaftlicher Konflikt. Das Stück rekonstruiert diese Eskalation Schritt für Schritt. Dabei geht es weniger um eine dokumentarische Nacherzählung als um die Dynamik dahinter: Wie entstehen Vorurteile? Warum verbreiten sie sich so schnell? Und weshalb geraten Institutionen wie Schulen plötzlich in moralische Grundsatzdebatten?

Piet Baumgartners persönlicher Blick
Regisseur Piet Baumgartner arbeitet seit Jahren an der Schnittstelle von Film, Theater und bildender Kunst. Mit seinem international ausgezeichneten Spielfilm BAGGER DRAMA (San Sebastián International Film Festival, Kutxabank-New Directors Award) hat er gezeigt, wie präzise er gesellschaftliche Spannungen in persönliche Geschichten übersetzen kann. Dass er sich nun diesem Stoff widmet, hat auch eine persönliche Dimension: Baumgartner ist selbst queer. Auch vor diesem Hintergrund entwickelt er daraus einen Theaterabend, der nicht nur einen einzelnen Fall beleuchtet, sondern grundsätzlich fragt, wie fragil gesellschaftliche Akzeptanz sein kann – und wie schnell sie unter Druck gerät. Insbesondere steht aber der entsprechende Lehrer im Zentrum, während das Autorenteam bewusst darauf verzichtet hat, den freikirchlichen Eltern nochmals eine Bühne zu geben.

Bühne der Gegenwart – ein ausverkauftes Stück
Die Resonanz ist bemerkenswert: Alle kommenden Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Das zeigt, wie stark das Thema die Öffentlichkeit bewegt. Offenbar trifft das Stück einen Nerv – weil es von einem Konflikt erzählt, der vielen zunächst wie ein Einzelfall erscheinen mag, zugleich aber grundlegende gesellschaftliche Fragen berührt. Mit «Schwuler Lehrer!» knüpft das Theater Neumarkt Zürich an seine Tradition eines engagierten Gegenwartstheaters an. Aus einem lokalen Ereignis wird ein Bühnenabend über Macht, Moral und gesellschaftliche Normen – und über die fragile Balance zwischen individueller Freiheit und kollektiver Erwartung.

Formal mehrstimmig erzählt
Das Stück ist auch formal interessant angelegt. Piet Baumgartner lässt die Geschichte des entlassenen Lehrers von vier verschiedenen Schauspieler:innen verkörpern. Damit wird die Figur bewusst aufgesplittert: Sie erscheint nicht als eindeutig festgelegte Person, sondern als eine Figur mit verschiedenen Facetten und Perspektiven. Der Lehrer wird so zur Projektionsfläche – für Erwartungen, Vorurteile und unterschiedliche Sichtweisen auf denselben Konflikt. Gleichzeitig hat diese Entscheidung auch einen ganz pragmatischen Hintergrund. Baumgartner sagt, das Ensemble des Theater Neumarkt sei so grossartig, dass es schlicht schade gewesen wäre, die Rolle nur einer einzigen Person zu überlassen. Die Aufteilung auf mehrere Schauspieler:innen wird so zu einer klugen Verbindung von künstlerischer Idee und Ensemblegeist.
