Das Theater Lilith stellt seine neue Produktion vor und erzählt mit Humor und Tiefgang von Brüchen und Verlusten, aber auch von Nähe, Schönheit und Lebendigkeit. Altwerden erscheint hier nicht nur als Abschied, sondern auch als Einladung: innezuhalten, loszulassen, neu zu sehen – und dem Leben noch einmal nahe zu kommen.
Theater Lilith erkundet existenzielle Lebensfragen in «Flügel am Fuss»
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Eine poetische, nachdenkliche und humorvolle Auseinandersetzung mit dem letzten Lebensabschnitt.
Elvira H. Plüss und Ruth Oswalt im Interview
Wie ist Theater Lilith entstanden?
Elvira:
Etwa vor zwanzig Jahren in Zürich. Die erste Produktion hiess «Transit». «Flügel am Fuss» ist quasi die Fortsetzung davon. Wir waren kurz vor fünfzig, und Annelie Schönfeld hat damals gesagt: Wir machen jetzt ein Stück über uns Frauen in den Wechseljahren. Das haben wir dann selbst geschrieben. Und jetzt, zwanzig Jahre später, hatte ich Lust, davon zu erzählen, was mit uns Frauen im letzten Viertel des Lebens ist.
Ruth:
Aber im Stück geht es jetzt nicht mehr ausschliesslich nur um Frauen, sondern allgemein um Menschen im Alter. Den Männern geht es ja auch nicht besser als uns. Es geht mehr um die Fragen am Ende des Lebens. Dass es irgendwann bald fertig ist.
In «Flügel am Fuss» geht es um die Herausforderungen und Befindlichkeiten des Alters. Wie hat dich dieses Thema gefunden
Elvira:
Ich wollte an «Transit» anknüpfen – zwanzig Jahre später. Was ist jetzt mit uns Frauen, mit uns als Menschen? Damals ging es um das Dazwischensein: zwischen dem Sein als junge, begehrenswerte Frau – und dann kommst du plötzlich in diese Krise. Aber nicht nur körperlich und mit dir selbst, sondern auch mit Kindern und Eltern. Das ist eine Phase im Leben, in der du sehr gefordert bist. Und dann dachte ich mir: Wo stehe ich jetzt, heute?
Wie seid ihr in die Stückentwicklung gestartet?
Elvira:
Ich bin zusammen mit Silvia Planzer eingestiegen. Bisher habe ich alle Stücke allein geschrieben, aber diesmal wusste ich, dass ich das nicht alleine machen möchte. Dieses vielleicht letzte Stück. Eigentlich war auch angedacht, dass wir es zusammen spielen. Aber Silvia hatte dann noch andere Verpflichtungen, und es wurde ihr zu viel.
Im Stück geht es um Innehalten und Loslassen. Was sind eure Pläne für das Leben «danach», das Leben nach dem Theater? Wenn es das denn überhaupt gibt …
Elvira:
Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich dachte mir: Ich gehe jetzt in den Garten, gehe reiten, solange ich noch kann. Ich habe meinen Hund und gehe auf Reisen. Ich dachte, das könnte ich ja dann nach der Premiere ab April alles machen. Und dann war ich gestern bei einem Treffen mit meiner Band CHANSON GARAGE – und schon steht da wieder ein Termin nach dem anderen an. Eigentlich geht es nahtlos weiter. Und zwei kleine Filmgeschichten sind auch geplant. Es geht einfach weiter.
Es ist schlicht und ergreifend so: Je näher du dem Tod kommst, wenn Menschen um dich herum sterben und du erlebst, wie endlich das Leben ist, dann fängst du an, dich zu fragen: Was will ich denn noch? In den paar wenigen Jahren, die ich hier auf dieser Erde vielleicht noch sein darf, wenn ich Glück habe. Was ist essenziell wichtig für mich? Und das kann auch etwas ganz anderes sein als Theater. Zum Beispiel einfach mit meinem Hund in den Wald gehen. Ich möchte gerne noch viel in der Natur sein und mir diese Welt anschauen. Im Theater bist du sehr mit dir selbst beschäftigt. Ich möchte einfach nur die Rigi sehen – und den Himmel und die Wolken. Die Schönheit dieser Welt.
Ruth:
Das Loslassen fällt mir sehr schwer. Jetzt habe ich achtzig Jahre lang gelebt, gopferdori. Für mich ist das Schönste, mit Menschen zu sein. Zufällig Leute treffen, auf einer Bank am Rhein sitzen – und dann erzählt mir da jemand sein ganzes Leben. Ich bin einfach gerne mit Menschen zusammen, und das möchte ich noch lange geniessen. Hoffentlich gesund.
Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus einem längeren Interview das On Südpol am 9. März publiziert hat. Das vollständige Interview ist online abrufbar unter: www.sudpol.ch/on-suedpol
