Aktuelle gesellschaftliche und weltpolitische Konstellationen lassen Lessings berühmtes Aufklärungsdrama «Nathan der Weise» von 1779 in neuem Licht erscheinen. Lessings Stück weist den Anspruch auf singuläre Wahrheit zurück und feiert moralisches Handeln als höchsten Massstab menschlichen Zusammenlebens. Regisseurin Katharina Rupp hat das Stück als spannenden Politthriller, in dem es um Macht, Einfluss und das Ansehen verschiedener Kulturen geht, gestrafft und modernisiert.
Ein Gleichnis für unsere Zeit
Mit «Nathan der Weise» inszeniert das Theater Kanton Zürich ein zeitloses Plädoyer für Menschlichkeit und Vernunft.
Die Ringparabel – kurz erklärt
In Nathan der Weise erzählt Gotthold Ephraim Lessing die Geschichte von drei gleichen Ringen, die für Judentum, Christentum und Islam stehen. Niemand weiss, welcher der echte ist – entscheidend soll nicht der Anspruch auf Wahrheit sein, sondern das menschliche Handeln. Philosophisch wurde das auch kritisiert: Die Parabel relativiert den Wahrheitsbegriff und reduziert Religion stark auf Moral. Dennoch bleibt ihre zentrale Botschaft ein Plädoyer für Toleranz, Humanität und friedliches Zusammenleben.
In der Geschichte besitzt ein Vater einen kostbaren Ring, der seinem Träger Liebe und Anerkennung schenken soll. Da er alle seine drei Söhne gleich liebt, lässt er zwei perfekte Kopien anfertigen. Nach seinem Tod weiss niemand mehr, welcher Ring der ursprüngliche ist, und die Söhne geraten in Streit. Ein Richter entscheidet, dass sich der wahre Ring nicht durch Worte, sondern nur durch Taten zeigen könne.
Die drei Ringe stehen für die drei grossen monotheistischen Religionen. Lessing will damit sagen: Keine Religion kann beweisen, dass sie allein im Besitz der Wahrheit ist. Stattdessen soll jeder so leben, als wäre seine Religion die richtige – durch Menschlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit und Mitgefühl. Nicht der Glaube macht den Menschen gut, sondern das gute Handeln gibt dem Glauben seinen Wert.
Über das Stück
Jerusalem in der Zeit der Kreuzzüge: Als der Jude Nathan von einer Geschäftsreise zurückkommt, erfährt er, dass seine Pflegetochter Recha von einem jungen christlichen Tempelherrn aus dem Feuer seines brennenden Hauses gerettet worden ist. Der Tempelherr wiederum verdankt sein Leben dem muslimischen Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, der ihn als Gefangenen begnadigt hat, weil er seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich sieht. Saladin, gerade in finanziellen Schwierigkeiten, bittet den vermögenden Nathan zu sich, um dessen allgemein gerühmte Grosszügigkeit auf die Probe zu stellen und fragt ihn nach der «wahren Religion»: Judentum, Christentum oder der Islam? Nathan, von seinem Freund Al-Hafi über Saladins Geldnöte unterrichtet, ahnt eine Falle und entscheidet sich, Saladins Frage mit einem Gleichnis zu beantworten. Aber Saladin ist von Nathans Vernunft und seiner religiösen Toleranz nicht wirklich überzeugt. Doch wieso nicht Nathans Humanität nutzen, um seine finanzielle Unterstützung im Sinne guter Geschäfte anzunehmen?
(Textgrundlage: Theater Kanton Zürich)
