Ballettdirektorin Cathy Marston tritt vor den Vorhang. Ohne Pathos, aber mit spürbarer Bewegung in der Stimme erinnert sie an Hans van Manen, der kurz vor Weihnachten, am 17. Dezember 2025, im Alter von 93 Jahren in Amsterdam gestorben ist. Sie erzählt, dass sie ihn noch als junges Mitglied des Zürcher Balletts persönlich kennenlernen durfte – und dass sie selbst Stücke von ihm getanzt hat. Man spürt: Das ist kein offizielles Gedenken, sondern eine sehr persönliche Verbeugung vor einem Künstler, der ihr eigenes Tanzen geprägt hat. Erst danach beginnt TIMEFRAMED. Und so trägt dieser Abend von Anfang an den Hauch eines Abschieds in sich – als würde jede Bewegung ein Echo sein, ein Weitertragen von etwas, das nicht mehr da ist, aber noch wirkt.
Ein Abend im Zeichen der Erinnerung
- Publiziert am 19. Januar 2026

Für uns gesehen hat «TIMEFRAMED» arttv Chefredaktor Felix Schenker
Hans van Manen – Klarheit, Körper, Zeit
Dass der Abend auch mit einem Werk von Hans van Manen endet, mit seinem berühmten Videoballett LIVE, gibt dieser Dramaturgie eine fast kreisförmige Logik: Erinnerung wird Bewegung, Bewegung wird Bild, Bild wird wieder Erinnerung.
Hans van Manen gehört zu den prägendsten Choreografen des europäischen Balletts. Geboren 1932 in den Niederlanden, schuf er in einer über siebzigjährigen Karriere mehr als 150 Ballette. Er arbeitete unter anderem für das Nederlands Dans Theater und das Dutch National Ballet und beeinflusste Generationen von Tänzer:innen und Choreograf:innen. Van Manen verband klassische Technik mit moderner Klarheit, mit Reduktion, mit psychologischer Genauigkeit. Seine Stücke erzählen keine Geschichten im traditionellen Sinn – sie zeigen Beziehungen, Spannungen, Begehren, Macht und Verletzlichkeit in reiner Bewegung.
LIVE entstand 1979 und gilt als erstes Videoballett der Tanzgeschichte.

Zwei Wirklichkeiten, ein Körper
In der Zürcher Aufführung zeigt sich, warum dieses Werk bis heute fasziniert. Auf der Bühne steht eineneinzelne Tänzerin (Ayana Tsunaki), nur von Klaviermusik begleitet (Kateryna Tereshchenko). Sie trägt ein rotes Kleid, das im gedämpften Licht wie ein ruhiger Brennpunkt wirkt. Ihre Bewegungen sind klar, fast nüchtern – und doch voller innerer Spannung. Gleichzeitig sieht man sie auf der grossen Leinwand: in Schwarz-Weiss, aus einer anderen Perspektive gefilmt, näher, verletzlicher, fragmentierter. Man sieht dieselbe Tänzerin – und doch nicht dieselbe.
Die moderne, drahtlose Videotechnik erlaubt der Kamera, sich mit der Tänzerin sehr frei zu bewegen. Und irgendwann steigt sie von der Bühne und verlässt den Zuschauerraum. Man folgt ihr auf der Leinwand, während sie real den Saal verlässt. Es kommt zu einem Pas de deux im Eingangsbereich des Hauses (Tänzer: Karen Azatyan), flüchtig und überraschend. Danach folgt eine aufgezeichnete Sequenz aus dem Ballettsaal – Probe, Alltag, Konzentration. Das Stück endet an einem ungewöhnlichen Ort, der hier nicht verraten werden soll.
Dieses Spiel mit Nähe und Distanz erzeugt ein starkes Gefühl von doppeltem Sehen. Was ist «echter» – der Körper im Raum oder sein Bild? Und genau darin liegt seine Faszination. Die drahtlose Kameratechnik (Kamera: Karim Fawaz) und die damit verbundene Freiheit – Bühne, Saal, Foyer, Proberaum plus ein Überraschungsort – bergen allerdings die Gefahr, dass van Manens Idee stellenweise etwas überstrapaziert wirkt.
Der Aufbruch: BARE von Lucas Valente
Das eigentliche Must-see dieses Abends ist jedoch ein anderes Stück: BARE von Lucas Valente. Der in Brasilien geborene Valente ist seit 2017 selbst Mitglied des Zürcher Balletts und hat sich als Choreograf mit einer unverwechselbaren Handschrift profiliert. Für die Nachwuchsreihe Next Generation ebenso wie für das Junior Ballett brachte er immer wieder Arbeiten auf die Bühne, die nicht dekorativ sind, sondern körperlich, roh und riskant. In BARE treibt er diesen Ansatz auf die Spitze. 22 Tänzer:innen werden an die Grenze des physisch Möglichen gepeitscht. Körper stürzen, schnellen hoch, prallen aufeinander, verhaken sich, lösen sich wieder. Man sieht Bewegungen, die man so nicht oft erlebt – kantig, explosiv, kompromisslos. Schlichtweg genial.
Das Stück funktioniert ganz ohne Musik – nur mit Sounds des Zürcher Sounddesigners Daniel Lutz. Atem, Reibung, Schläge, elektronische Impulse: Die Tänzer:innen tanzen nicht nur, sie kämpfen – es erinnert an ein Bootcamp, an Drill, an körperliche Grenzerfahrung. Der Effekt ist überwältigend und bleibt im Körper hängen. BARE hat das Potential, besonders auch junge Menschen zu begeistern. Man wünschte sich, dass viele höhere Schulklassen dieses Stück sehen könnten. Doch bei den exorbitanten Billettpreisen des Opernhauses, trotz Subventionen, bleibt dieser Wunsch wohl auf der Strecke.
Forsythe: Virtuosität in Paaren - ORBIT, Energie und Geometrie
TIMEFRAMED zeigt zudem zwei weitere Stücke: NEW SUITE von William Forsythe besteht aus acht Pas de deux. Sie machen deutlich, wie hoch das tänzerische Niveau und das Know-how des Zürcher Balletts sind – auch wenn Unterschiede zwischen den Paaren sichtbar werden. Besonders herausragend: Tsunaki und Joel Woellner, die als Erste zur Musik von G. F. Händel auf die Bühne treten. Man hat das Gefühl, Joel bringe Tsunaki zum Fliegen – einer der ästhetisch schönsten Momente des Abends. Weiter zu sehen ist ORBIT von Adonis Foniadakis. Viel Energie, auch in der Musik: Bryce Dessner: Pulse, Ludovico Einaudi: Choros. Die funkelnden «Swarovski-Steine» auf den Kostümen sind Geschmackssache. Und auch sonst ist ORBIT trotz einiger schöner geometrischer Formen jenes Stück, das nicht an die Einzigartigkeit der anderen drei anschliessen kann – und trotzdem sehr sehenswert bleibt. So steht am Ende dieses Abends ein starker Kontrast: ein leiser Abschied mit Hans van Manen – und ein wuchtiger Aufbruch mit Lucas Valente. Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Risiko.
Das ist die überwältigende Stärke von TIMEFRAMED: zu zeigen, dass Tanz immer beides ist – Bewahren und Verbrennen zugleich.




