Das Musical «Catch me if you can» basiert auf der wahren Geschichte von Frank Abagnale Jr., einem der berühmtesten Hochstapler der Geschichte, sowie auf dem gleichnamigen, von Steven Spielberg inszenierten Dreamworks-Film aus dem Jahr 2002. In gewohnter Manier macht die Urner Theatergruppe Eigägwächs aus dem Musical ein ganz eigenes, frisches Theatererlebnis.
«Catch me if you can» – im Urner Dialekt
Nach «Pippin», «Big Fish», «Titanic» und «9 to 5» inszeniert der Urner Regisseur Rolf Sommer einen weiteren Broadway-Erfolg.
Betrüger, Lebemann, Angeber
Frank Abagnale Jr. wuchs in New York auf. Nach der Scheidung seiner Eltern und dem geschäftlichen Zusammenbruch seines Vaters zog er 1964 mit geringen Mitteln aus, um ein besseres Leben zu führen. Ohne Schulabschluss und mit niedrigem Lohn sah er sich gezwungen, kriminelle Wege einzuschlagen.
Er fälschte sein Geburtsdatum, eröffnete ein Girokonto für Blankoschecks und gab sich als Pan-Am-Kopilot aus, um glaubwürdiger zu wirken und kostenlos zu reisen. Als Scheckbetrüger wurde er vom FBI gesucht. Kurz bevor sein Schwindel aufflog, arbeitete er unter anderem kurzzeitig als falscher Arzt und Rechtsanwalt. Vor seinem 21. Geburtstag hatte er als Hochstapler in 50 US-Bundesstaaten und 26 Ländern rund 2,5 Millionen Dollar Schaden verursacht, um seinen hohen Lebensstandard zu finanzieren.
1969 in Frankreich verhaftet, wurde er über Schweden an die USA ausgeliefert und zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Nach fünf Jahren bot ihm die US-Regierung 1974 die vorzeitige Freilassung an, wenn er seine Kenntnisse zur Bekämpfung von Betrug einsetzen würde. Abagnale willigte ein und wurde ein bekannter Sachverständiger, der unter anderem für das FBI arbeitete.
1980 veröffentlichte er seine Biografie. Wohl immer noch mit dem Hochstapler-Gen behaftet, übertrieb Abagnale darin masslos. Im Laufe der Jahre ergaben Untersuchungen, dass viele der spektakulärsten Behauptungen Abagnales stark übertrieben oder erfunden sind. Ideal für ein spektakuläres Musical!
Amateurbühne mit Herzblut
«Catch me if you can» verbindet rasante Handlung, humorvolle Dialoge, grosse Gefühle und mitreissende Songs. Mit viel Leidenschaft, grossem Ensemble und Liebe zum Detail zeigt Eigägwächs einmal mehr, was eine Amateurbühne mit Herzblut leisten kann – und lässt gleichzeitig das Publikum in die glitzernde Welt der 1960er-Jahre eintauchen. Ob Spannung, Romantik oder Situationskomik – «Catch me if you can» vereint alles in einer Show, die Musicalliebhaber:innen vom ersten Ton an packt. Die Theatergruppe Eigägwächs, die 2008 gegründet wurde, hat sich im Laufe der Jahre immer mehr auf Musicals spezialisiert und Menschen jeden Alters mit und ohne Behinderung auf der Bühne vereint. Der Name Eigägwächs steht für «Theater aus Leidenschaft». Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Freude am Theaterspiel zu pflegen und zu fördern.

Kommentar: Wie ist das alles nur möglich?
Von Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
Ich habe mir «Catch You If You Can» im Theater Uri angeschaut – und war geflasht. Nicht, weil alles perfekt wäre, denn am Gesang erkennt man schnell, dass es sich nicht um ausgebildete Sänger:innen handelt, sondern um Menschen aus der Region, die sich mit grossem Einsatz auf diese Bühne stellen. Und doch habe ich mich den ganzen Abend gefragt: Wie ist das alles überhaupt möglich? Auf der Bühne stehen zwar Laien. Das Umfeld aber ist durch und durch professionell: Regie (Rolf Sommer), Musik, Bühnenbild, Dramaturgie – alles vom Feinsten. Man kann nur staunen und sich freuen.
Allerdings ist die Verbindung von Laien auf der Bühne und professionellem Rahmen in Uri keine Ausnahme, sondern Tradition. Schon die Tellspiele funktionieren seit Jahrzehnten nach genau diesem Prinzip: Die Menschen aus dem Kanton spielen, aber die künstlerische Leitung ist professionell. Gerade daraus entsteht diese besondere Mischung aus Nähe und Akzeptanz, die man so nur selten findet. Ich kenne kaum einen Kanton, der auf so kleinem Raum eine derart dichte Kulturlandschaft von dieser Qualität hervorbringt. Das hat sicher auch mit der Kleinräumigkeit zu tun. In Uri kennt man sich. Wer auf der Bühne steht, ist kein ferner Name im Programmheft, sondern jemand, dem man im Alltag begegnet. Das schafft Identifikation.
Diese Nähe zeigt sich auch politisch. In Uri werden kulturelle Projekte an der Urne immer wieder grosszügig unterstützt. Die Bevölkerung steht hinter ihren Kulturorten, etwa bei der Sanierung des Tellspielhauses. Kultur gilt hier nicht als Luxus, sondern als Teil der eigenen Identität. Dass diese Verankerung nicht zu Provinzialität führt, beweisen die vielen Produktionen von hoher Qualität. Das Neujahrskonzert im Theater Uri etwa zeigt, dass hier auch musikalisch auf Spitzenniveau gearbeitet wird – mit professionellen Musiker:innen, anspruchsvollen Programmen und einer Ausstrahlung, die weit über den Kanton hinausreicht.
Möglich wird das alles nicht zuletzt durch ein starkes kulturförderndes Fundament und engagierte Vorsteher des Kulturamtes. Lange Jahre war es Josef Schuler, heute ist es Ralph Aschwanden – beide mit grossem persönlichem Einsatz für die Kultur in Uri. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Dätwyler Stiftung. Sie bewahrt kulturelles Erbe, etwa mit dem Projekt «Danioth Digital», das das Werk des Malers Heinrich Danioth für die Zukunft sichert. Auch arttv.ch : So hat sie unser arttv-Jubiläumsprojekt zur Wiederentdeckung der Künstlerin Erna Schillig unterstützt – mit einer Website samt Werkverzeichnis und einer Monografie als Ergebnis. Und sie ermöglicht immer wieder neue Kulturprojekte, die ohne diese Unterstützung kaum denkbar wären.
Was ich in Uri erlebe, ist kein Zufall. Es ist das Resultat eines Zusammenspiels: von Laien und Profis, von Nähe und Akzeptanz, von Tradition und Offenheit, von engagierter Bevölkerung und verlässlicher Förderung.
