Eine Ziege mit zwei Köpfen, Steine, die im Dunkeln zu leuchten beginnen, daneben Jahrtausende menschlicher Kulturgeschichte: Das Museum Zofingen ist kein klassisches Regionalmuseum, sondern eine echte Wunderkammer, in der sich Naturphänomene, wissenschaftliche Neugier und gesellschaftliche Entwicklung auf überraschende Weise begegnen.
Zofingens Wunderkammer – Zwischen doppelköpfigem Kalb und leuchtenden Steinen
Ein Haus wird Museum – Zofingens Architektur als Ausdruck einer Idee
Das Museum Zofingen wurde 1901 eröffnet und ist damit das erste Gebäude im Kanton Aargau, das eigens als Museum konzipiert wurde. Architekt war Emil Vogt aus Luzern, der das Haus in der Form eines florentinischen Palazzo im Stil der Neorenaissance erbaute. Die repräsentative, symmetrische Architektur spiegelt den bürgerlichen Bildungsoptimismus des späten 19. Jahrhunderts wider – eine Epoche, in der Sammeln, Ordnen und das öffentliche Vermitteln von Wissen als kultureller Auftrag verstanden wurden. Das Haus ist damit nicht nur Hülle der Sammlung, sondern selbst Ausdruck jener Zeit, in der aus privaten Wunderkammern öffentliche Institutionen entstanden.
Eine Kalb mit zwei Köpfen – und plötzlich wird es still
Sie steht da, beinahe irritierend ruhig: ein Kalb mit zwei Köpfen. Kein Mythos, kein Fabelwesen, sondern ein reales Präparat. Ein biologisches Kuriosum, das die Grenzen zwischen Natur, Wissenschaft und Sensation verschwimmen lässt. Solche Objekte prägten einst die grossen Wunderkammern Europas — Sammlungen, in denen das Seltene und Rätselhafte denselben Stellenwert besass wie Kunst oder Forschung. Das zweiköpfige Kalb im Museum Zofingen erzählt vom menschlichen Bedürfnis, das Aussergewöhnliche nicht auszublenden, sondern zu verstehen. Ein Moment des Staunens, der den Museumsbesuch abrupt verlangsamt.
Wenn Steine zu leuchten beginnen
Nicht weniger faszinierend sind die Minerale, die unter UV-Licht ihre verborgenen Farben freigeben. Was zunächst unscheinbar wirkt, beginnt zu strahlen: Neonfarben, violette Reflexe, grelles Grün. Die fluoreszierenden Steine verweisen auf geologische Prozesse über Millionen Jahre — auf eine Erde, deren Geschichte lange vor dem Menschen beginnt. Wissenschaft erhält hier eine beinahe poetische Dimension: Das Unsichtbare wird sichtbar und macht erfahrbar, wie tief unsere Gegenwart in natürlichen Zeiträumen verwurzelt ist.
Zwischen Kuriosität und Kulturgeschichte
Gerade diese Verbindung macht den besonderen Reiz der Zofinger Wunderkammer aus. Neben archäologischen Funden aus Stein- und Bronzezeit, römischen Relikten, mittelalterlichem Schmuck oder Zeugnissen bürgerlicher Alltagskultur stehen überraschende Objekte gleichberechtigt nebeneinander. Naturgeschichte, Militärgeschichte und Alltagsleben verschränken sich zu einem Denkraum, in dem Geschichte nicht linear erzählt wird, sondern als Erfahrung entsteht. Die zweiköpfige Ziege und die leuchtenden Steine stehen dabei sinnbildlich für das, was Museen im besten Fall leisten: Sie wecken Neugier — und erinnern daran, dass Erkenntnis immer mit Staunen beginnt.