Kräuter zwischen Pflastersteinen, seltene Pflanzen auf Brachen, wilde Gewächse und nicht heimische Arten entlang von Bahngleisen oder Autobahnen. Im urbanen Umfeld macht sich zunehmend eine Spontanvegetation breit. Die Ausstellung «Neue Wildnis» rückt die einzigartigen Qualitäten dieser besonderen Art von Natur in den Fokus und zeigt das Potenzial solcher Stadtlandschaften auf.
Neue Wildnis: Stadt als innovativer Lebensraum
- Publiziert am 20. März 2026
Das Gewerbemuseum Winterthur präsentiert ausgewählte Projekte aus Landschaftsarchitektur, Forschung und Ökologie.
Blick in die Ausstellung:
Unkraut oder wilde Stadtlandschaft?
Die ‹neue Wildnis› wird in der Regel ignoriert oder als Unkraut betrachtet. In ihrem Projekt «Cohabitat» porträtiert Franziska Klose städtische Pflanzen und ihre vielfältigen Lebensräume. Sie erkundet die Natur als vernetzten Organismus und die Stadt als Habitat für vielfältige Arten. Dass eine wilde Vegetation auch aktiv gefördert werden kann, zeigt die Abteilung Ökologie und Freiraumplanung der Stadt Winterthur mit dem Projekt «Stadtwildnis». Dieses leistet einen Beitrag zu einer grösseren Vielfalt von Biotopstrukturen, die sich dem städtischen Klima anpassen und die Biodiversität fördern. Neben ihren visuellen Qualitäten verströmen diese Pflanzen auch überraschende Düfte. Die Landschaftsarchitektin Fanny Brandauer lädt mit «Scent Lab» dazu ein, diese zu entdecken.
Verwilderte Überbauungen und künstliche Wälder
Die «Autobahn für Insekten» im Überlandpark in Zürich-Schwamendingen der Landschaftsarchitekten Krebs und Herde zeigt, wie selbst die künstlichste Umgebung einer Autobahnüberdachung in eine ökologische Infrastruktur für Wildbienen, Spinnen und Käfer verwandelt werden kann. Die Architektin und Postdoktorandin Johanna Just untersucht in ihrer Doktorarbeit «Towards a Vital Milieu», wie die hochgradig technisierte Landschaft der Oberrheinischen Tiefebene im Laufe der Zeit eine dynamische Umgebung geschaffen hat, in der neue Formen der Wildnis entstehen können. Und auf dem Campus der Landschaftsarchitekturschule in Rapperswil-Jona pflanzen Studierende einen Miyawaki-Wald. Dieses didaktische Experiment soll natürliche Prozesse beschleunigen, indem es einen winzigen Wald von Grund auf neu anlegt. Damit werden gängige Vorurteile über die Mischung einheimischer und nicht heimischer Baumarten hinterfragt. Unsere ambivalente Beziehung zu nicht heimischen Pflanzen wird auch von der Landschaftsarchitektin Céline Baumann thematisiert, die mit der Collage «Trial of Invasives» unsere Beziehung zur fremden Natur hinterfragt und den Begriff des Eingreifens selbst in Frage stellt.
Stadtökologie-Bewegung
In der Dokumentation «Natura Urbana» untersucht der Geograf Matthew Gandy die «andere Natur», die in brachliegenden städtischen Räumen gedeiht. Im Kontext West-Berlins nimmt deren Bedeutung die Rolle des Vorreiters für die Entwicklung des Fachgebiets der urbanen Ökologie ein. In der Schweiz übernahm die Naturgartenbewegung der Nachkriegszeit eine Vorreiterrolle innerhalb der Stadtökologie und der pionierhaften Erforschung urbaner Lebensräume. Die Ausstellung erlaubt mit bisher unveröffentlichten Originalplänen und Archivdokumenten aus dem Schweizerischen Archiv für Landschaftsarchitektur einzigartige Einblicke in diese Bewegungen. Abgerundet wird «Neue Wildnis» mit der Präsentation von Präparaten aus Fauna und Flora aus der Sammlung des Naturmuseums Winterthur: von Rosskastanien Keimlingen über Wildbienen bis zum Alpensegler.
(Textgrundlage: Gewerbemuseum Winterthur)