Die Villa Grunholzer in Uster ist ein Kulturort mit Auftrag: Der Förderverein nutzt die Villa an der Florastrasse für Veranstaltungen, die Begegnungen mit Kunst ermöglichen und Raum für Austausch und Diskussion in den prachtvollen Räumen schaffen. Benannt nach Heinrich Grunholzer, steht sie für Bildung, gesellschaftliche Verantwortung und öffentlichen Diskurs. Aktuell zeigt Eline Kersten in «Und die Erde flüsterte» Werke über verschwindende und sich stetig wandelnde Landschaften in Nähe und Ferne.
Industriegeschichte trifft auf Gegenwartskunst
Heinrich Grunholzer (1819–1873) war Pädagoge, Publizist und Politiker – und eine prägende Figur des liberalen 19. Jahrhunderts. Früh stellte er sich gegen die konservative Wende nach dem Züriputsch und suchte den intellektuellen Austausch in Berlin. Dort ermutigte ihn Bettina von Arnim zu sozialkritischen Studien, die ihn über die Schweiz hinaus bekannt machten. Zurück in der Heimat wirkte Grunholzer als Redaktor, Seminardirektor und Berner Grossrat. Nach seiner Entlassung 1852 führte ihn sein Weg nach Uster, wo er politisch aktiv blieb, 1863 in den Nationalrat gewählt wurde und sich im öffentlichen Leben engagierte. Mit dem demokratischen Umbruch von 1869 endete seine nationale Karriere. Bis zu seinem Tod 1873 blieb er eine markante Stimme für Bildung, Verantwortung und Reform.
Und die Erde flüsterte
Eline Kersten identifiziert, kritisiert und macht vielschichtige Geschichten über sich verändernde und verschwindende Landschaften sichtbar – sowohl ferne als auch unmittelbare Umgebungen. Sie versteht Identität als untrennbar mit der Umwelt verbunden. Was geschieht, wenn diese sich rasch verändert oder sogar vollständig verschwindet? Von besonderem Interesse ist die Bedeutung, die ökologisch, historisch und persönlich geprägten Geschichten über zerstörte Landschaften beigemessen wird. Die Arbeiten entstehen im Dialog mit Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen, von Klimawissenschaftler:innen und Glaziolog:innen bis hin zu Komponist:innen und Feuerwehrleuten. In dieser Soloausstellung werden geologische Zeiten erfahrbar: von Schweizer Gletschern über die Flora Roms bis zum letzten Urwald Europas in Polen und den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Die Künstlerin setzt dabei auf diverse Medien, darunter bewegte Bilder, Installationen und Grafik.
Die Villa Grunholzer und die Familiengeschichte
Der Ustermer Textilfabrikant Hans Heinrich Zangger liess 1847 neben seiner zweiten Baumwollspinnerei am Aabach eine Fabrikantenvilla bauen. Der Architekt ist nicht namentlich bekannt, stammte jedoch vermutlich aus dem Umfeld des Zürcher Architekten Wilhelm Waser. Das Haus diente bald als Wohnsitz der Familie seiner ältesten Tochter Anna Babette und ihres Ehemanns Johann Caspar Gujer.
Der Neu-Renaissance-Bau an der wichtigen Ost-West-Achse Usters besticht durch seine aufwändige Pilastergliederung, den repräsentativen Eingang sowie die dreifachen Rundbogenfenster der Bel-Etage. Zur Anlage gehörten zudem ein gepflegter Park und ein 1855 errichtetes Ökonomiegebäude, das als Waschhaus genutzt wurde.
Als sich Hans Heinrich Zangger aus dem Geschäft zurückzog, führten seine Schwiegersöhne Johann Caspar Gujer und Heinrich Grunholzer das Spinnereiunternehmen weiter. 1883 übernahm Julius Gujer, der Sohn Johann Caspar Gujers, die Leitung des Unternehmens. Er wohnte mit seiner Familie in der Villa an der Florastrasse, die zusammen mit dem Stammhaus an der Sternenkreuzung an der Zürichstrasse weiterhin von der gesamten Familie Zangger genutzt wurde.
So lebte Rosa, die älteste Tochter von Rosette Grunholzer-Zangger und Heinrich Grunholzer, nach ihrer Heirat mit dem Arzt Jakob Ritter zeitweise an der Florastrasse. Hier kam auch ihr Sohn Heinrich Ritter zur Welt, der später als Kapellmeister bekannt wurde.
Verkauf, industrielle Nutzung und kulturelle Neuausrichtung
1917 verkaufte Julius Gujer das Textilunternehmen samt Villa an Balthasar Trüb und Hubert Wengle. 1920 wurde der seitliche Anbau mit der markanten Terrasse ergänzt. Die von Balthasar Trüb geprägte Firma behielt unter wechselnden Namen und Teilhabern ihren Sitz und ihr Kontor an der Florastrasse 18. Trüb selbst liess etwas ausserhalb die Villa Rehbühl errichten, die am heutigen Balthasar-Trüb-Weg steht.
Der Fabrik an der Florastrasse wurde eine Zwirnerei angegliedert, und noch vor dem Zweiten Weltkrieg begann die Produktion von Wollmischgarnen wie Lancofil. Ab 1931 war in der Villa mit Ida Hegglin eine Frau als Prokuristin tätig, was zu dieser Zeit noch aussergewöhnlich war.
1968 wurde der Spinnereibetrieb eingestellt. Die Villa, damals als Villa Trüb bekannt, wurde 1974 unter Denkmalschutz gestellt. 1996 erwarb Martha Ritter-Hürlimann, die Ehefrau eines Urenkels des Erbauers, die Villa. Ihre Erben brachten sie später in die Stiftung Ritter-Hürlimann ein, benannten sie nach Heinrich Grunholzer und machten sie zu einem Kulturhaus.
(Textgrundlage: www.villagrunholzer.ch)