Immer lauter wird der Ruf nach einem pauschalen Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Australien hat ein solches Verbot bereits umgesetzt, Frankreich diskutiert derzeit darüber. Die Sorge dahinter ist nachvollziehbar: Hassrede, Desinformation, sexualisierte Inhalte, Suchtmechanismen. Doch ein pauschales Verbot ist der falsche Reflex – und im Kern vergleichbar mit der Forderung, Bücher für Kinder und Jugendliche zu verbieten, nur weil es schlechte Bücher gibt. Nicht das Medium ist das Problem, sondern die unkontrollierten Inhalte, die fehlenden Regeln und die Verantwortungslosigkeit jener Tech-Konzerne, die Milliarden verdienen – und die gesellschaftlichen Folgekosten externalisieren.
Ein Verbot ist der falsche Weg
- Publiziert am 27. Januar 2026
Das Medium ist nicht schuld
Soziale Medien sind Kommunikationsräume. Sie können aufklären, verbinden, politisieren, kreativ machen. Für viele Jugendliche sind sie heute das, was Bibliotheken, Jugendzeitschriften, Radioprogramme oder bestimmte Fernsehfenster früher waren: Orte der Information, der Selbstverortung, des kulturellen Austauschs. Wer sie pauschal verbietet, blendet diese Realität aus – und beraubt junge Menschen wichtiger Lern- und Erfahrungsräume. Ein Buchverbot würde niemand ernsthaft fordern, nur weil es Schundliteratur gibt. Stattdessen gibt es Altersfreigaben, pädagogische Empfehlungen, Schulbibliotheken, Lektorate. Genau dieses Denken fehlt in der Debatte um soziale Medien.
Der richtige Weg: Regeln, Verantwortung, Kontrolle
Ein Verbot löst kein einziges strukturelles Problem. Es verlagert die Nutzung in Grauzonen, fördert Umgehungsstrategien und entzieht sich jeder pädagogischen Begleitung. Das ist meine Meinung, nicht nur als Kulturjournalist, sondern auch langjähriger Heilpädagoge. Gleichzeitig verschärft ein Verbot die soziale Ungleichheit: Wer technisch versiert oder privilegiert ist, umgeht das Verbot – andere bleiben ausgeschlossen. Vor allem aber entlässt ein Verbot die Tech-Konzerne aus der Verantwortung. Und genau dort liegt der Kern des Problems. Was es braucht, sind verbindliche Regeln statt Verbote:
Keine anonymen Inhalte mehr
Anonymität wirkt als Brandbeschleuniger für Hass, Mobbing und Desinformation. Wer publiziert, soll identifizierbar sein – zumindest gegenüber unabhängigen Kontrollinstanzen. Meinungsfreiheit bedeutet nicht Folgenlosigkeit.
Externe Kontrollorgane mit echter Macht
Es braucht unabhängige Aufsichtsstellen, die Inhalte prüfen, Algorithmen evaluieren und Sanktionen verhängen können. Diese Organe müssen nicht staatlich gesteuert sein, aber öffentlich legitimiert und rechtlich durchsetzungsfähig.
Finanzierung durch die Tech-Konzerne selbst
Die Plattformen sollen diese Kontrollinstanzen finanzieren – etwa über Konzessionen, die von staatlichen Stellen vergeben werden. Wer im öffentlichen digitalen Raum kommuniziert und Gewinne erzielt, zahlt für dessen Sicherheit. Ein denkbares Modell: rund 30 Prozent des Reingewinns, der in einem jeweiligen Land erwirtschaftet wird, fliesst in diese Konzessionen. Das ist keine Strafe, sondern die Rückführung gesellschaftlicher Kosten.
Investition in Qualität statt Clickbait
Das so generierte Geld darf nicht versickern. Es soll gezielt eingesetzt werden für die Produktion qualitativ hochstehender Inhalte:
– politische Bildung
– Kulturvermittlung
– Sport, Wissenschaft und Medienkompetenz
Inhalte, die einordnen statt aufregen. Die erklären statt manipulieren. Die Orientierung bieten – gerade für junge Menschen.
Was wir brauchen, ist Verantwortung – und Mut
Europa sollte nicht länger vor amerikanischen Tech-Konzernen kuschen, sondern selbstbewusst einfordern, was längst überfällig ist: klare, verbindliche Regeln für Plattformen, die unseren öffentlichen Raum prägen. Oder noch besser: eigene Alternativen schaffen zu Facebook, Instagram, YouTube oder TikTok – Plattformen, die nicht primär auf Aufmerksamkeit, Empörung und Werbeerträge optimiert sind, sondern auf Information, Kultur und demokratischen Austausch. Europa verfügt über Know-how, Kapital, kreative Köpfe und einen riesigen Markt. So schwierig sollte das nicht sein. Was fehlt, ist nicht die technische Fähigkeit, sondern der politische Wille.