Die im März 2026 abtretende SP-Politikerin Corine Mauch hat Zürich als weltoffene Metropole und durch ihren sachlichen und fairen Führungsstil geprägt. Doch ihre kulturpolitische Bilanz bleibt durch die Personalpolitik im Kulturdepartement getrübt, wie die Ära Haerle, die aktuellen Herausforderungen für etablierte Off-Bühnen und jüngst auch der umstrittene Umgang der Stadt mit dem blue Cinema Corso am Bellevue zeigen.
Corine Mauchs kulturelles Erbe
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Ein Kommentar von arttv Chefredaktor Felix Schenker
Corine Mauch: Ruhe, Analyse, Ausgleich
Es gibt politische Ären, die mit grosser Geste enden, und solche, die sich leise zurückziehen. Corine Mauch gehört unbestreitbar zur zweiten Kategorie. Ihre 16 Jahre als Zürcher Stadtpräsidentin waren geprägt von einer politischen Temperatur, die sich selten erhitzte – und gerade darin lag ihre Stärke. Ruhe, Analyse, Ausgleich: ein Stil, der Zürich verlässlich durch teils turbulente Zeiten führte. Mauch hat massgeblich dazu beigetragen, das Wachstum der Zwinglistadt zu steuern und die Stadtentwicklung zwischen den Anforderungen von Plan und Markt auszubalancieren. Unter ihrer Führung wurden Strategien entwickelt (wie «Zürich 2040»), um das Wachstum klimafit und nachhaltig zu gestalten. Die Wohnraumfrage bleibt eine Herausforderung, doch Mauch setzte sich für eine Politik ein, die dem Druck auf den Wohnungsmarkt und den steigenden Preisen entgegenwirken sollte, indem sie die Innenentwicklung förderte und sich für eine Verdichtung einsetzte. Als Stadtpräsidentin trug sie dazu bei, die Position Zürichs als starken Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort, unter anderem durch die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der ETH Zürich, zu festigen. Ein zentrales Anliegen ihrer Amtszeit war die Förderung des sozialen Zusammenhalts und der Vielfalt in der Stadt. Sie setzte sich für Initiativen ein, die alle Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen oder Herkunft – an der Stadtgeschichte teilhaben lassen sollten. Sie war die erste Frau in diesem Amt – zudem noch queer – und gilt als Symbol für eine moderne, weltoffene und erfolgreiche Stadt. Alles in allem eine positive Bilanz. Doch ausgerechnet in jenem Bereich, der von dieser Stadt immer als ihr moralischer und ästhetischer Kern verstanden wurde – der Kultur – wirkt Mauchs Vermächtnis zuweilen eher brüchig und erreicht mit der Diskussion um das Kino Corso einen finalen Höhepunkt.
Jean-Pierre Hoby: Architekt einer kohärenten Zürcher Kulturpolitik
Man muss weit zurückgehen, um zu verstehen, wie tief der Einschnitt einer ihrer Personalentscheide war. In die Ära von Jean-Pierre Hoby, der die Stadt von 1983 bis 2010 kulturpolitisch prägte wie kaum ein Zweiter. Sein Wirken fiel in jene Zeit, in der Zürich vom rebellischen Nachglühen der 80er Jahre in die selbstbewusste, global lesbare Kulturdrehscheibe der Nullerjahre heranwuchs. Hoby führte Dialoge, bevor Konflikte eskalierten, und er erkannte früh, dass eine Kulturszene nur so stark ist, wie die Strukturen, die sie tragen. Zu seinen bedeutendsten Erfolgen und Weichenstellungen gehört die Etablierung der Roten Fabrik als zentraler, subventionierter Ort für die freie Kunst- und Kulturszene in Zürich, was massgeblich zur Diversifizierung des kulturellen Angebots beitrug. Er setzte sich generell für die Stärkung der freien Theater-, Musik- und Kunstszene ein und schuf Strukturen, die es diesen ermöglichten, sich zu professionalisieren und international sichtbar zu werden. Hoby gelang es stets, die etablierten, grossen Kulturinstitutionen wie Oper, Schauspielhaus, Tonhalle und Kunsthaus zu unterstützen, während er gleichzeitig innovative und experimentelle Formate förderte. Seine Kulturpolitik basierte auf klaren Grundsätzen und Leitbildern, um eine transparente und nachhaltige Kulturförderung zu gewährleisten. Zudem trug er dazu bei, Zürichs Position in der nationalen und internationalen Kulturlandschaft als lebendiges Zentrum für Kreativität zu festigen. Und für uns von arttv.ch besonders zentral: Er war einer der Ersten, die den Wert der Kulturvermittlung als Brücke zwischen Kunst und Bevölkerung erkannt und gezielt gefördert hatten. Sein Ansatz, politische Klugheit mit ökonomischer Vernunft und intellektueller Selbstachtung zu verbinden, hinterliess eine Kulturszene, die Tradition und Innovation vereinte.
Peter Haerle: Schwieriger Übergang
Dann kam der Bruch. Der Journalist Peter Haerle trat 2010 das Amt an – und die Szene hielt kollektiv die Luft an. Weniger aus Widerstand als aus Irritation. Mit ihm hielt ein Funktionalismus Einzug, der vor allem eines tat: Vertrauen zerstören. Der Fall um das Literaturmuseum Strauhof wurde zum Symbol. Nicht, weil die Idee eines Literatur-Labors per se schlecht gewesen wäre, sondern weil der Entscheid aus Überheblichkeit heraus kommuniziert wurde. «Es ist nicht der Louvre» – ein Satz, der weniger über den Strauhof aussagte als über die eigene Unkenntnis dessen, wofür Kulturinstitutionen stehen: Erinnerung, Diskurs, Kontinuität. Zu weiteren Misserfolgen, die seine Amtszeit prägten, gehört der langwierige Rechtsstreit um den Corbusier-Pavillon, der den Kulturchef wegen des Verdachts der Ehrverletzung vor Gericht brachte und das Vertrauen in die Kulturverwaltung nachhaltig beschädigte. Haerle geriet 2019 zudem in die Kritik, weil er einen Bericht zurückgehalten hatte, der unter anderem die Schliessung des Theaters Neumarkt vorschlug – ein Affront, der als Zeichen mangelnder Transparenz gewertet wurde. Auch im Streit um den Umbau des Zürcher Schauspielhauses eckte Haerle an, als die Absicht kommuniziert wurde, den historischen Saal abzureissen. Die Idee wurde von Kritiker:innen als «geschichtsfeindlich» bezeichnet und trug zur weiteren Entfremdung bei.
arttv.ch: Ein Schlag ins Gesicht
Gerechterweise muss man betonen, dass Haerle sein Amt nicht schlecht gemacht hat. Aber als Nachfolger von Hoby konnte er eigentlich nur verlieren. Das ist fast zwangsläufig so und hat weniger mit der jeweiligen Person zu tun, als mit der Tatsache, dass Veränderungen immer Ängste auslösen. Unter Haerles Führung gab es wertvolle und wichtige Verbesserungen: Er brachte eine stärker verwaltungsorientierte Struktur ins Kulturdepartement, definierte Abläufe klarer, machte Entscheidungswege transparenter und führte Dossiers systematischer. Diese administrativen Aufräumarbeiten sind für die aktuellen Leitungsteams sicherlich wertvoll und hilfreich. Ebenso stiess er strategische Klärungsprozesse an – etwa zur Überarbeitung der Förderinstrumente –, die spätere Reformen erleichterten, auch wenn seine Kommunikation möglicherweise nicht immer optimal war. So hat es zumal arttv.ch selber erlebt. Unter seiner Leitung wurde die finanzielle Unterstützung für unsere Kulturplattform drastisch gekürzt. Der Entscheid selbst war schmerzhaft genug – doch die Begründung war ein Affront. Haerle erklärte, «arttv.ch sei eher etwas für die Provinz», Zürcher Institutionen bräuchten uns nicht, sie erhielten genügend mediale Aufmerksamkeit. Für uns war das ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur, weil es unseren Beitrag für die Zürcher Kulturszene herabsetzte, sondern weil diese Aussage realitätsfremd ist. Was vielleicht für einige wenige grosse, hochsubventionierte Häuser gelten mag, trifft auf die freie Szene – chronisch unterfinanziert – in keiner Weise zu. Gerade sie ist auf Sichtbarkeit angewiesen, auf Plattformen wie arttv.ch, die auch Kulturevents vermitteln, die nicht im Fokus der grossen Medienhäuser stehen.
Rebekka Fässler und Murielle Perritaz: Ein Neuanfang mit Verlierern
Mit der Co-Leitung Rebekka Fässler und Murielle Perritaz, die ihre Ämter im August 2021 antraten, kehrte Ruhe ein. Ihre Ära ist geprägt von Pragmatismus, administrativer Präzision und einem kulturpolitischen Kompass, der stärker auf Diversität und Erneuerung ausgerichtet ist. Obwohl sie erst nach Beginn der Corona-Pandemie ins Amt kamen, führten sie Zürich durch jene besonders anspruchsvolle Phase, in der die Kulturszene zwischen vorsichtigen Öffnungen, erneuten Einschränkungen, administrativ komplexen Ausfallentschädigungen und einer insgesamt fragilen Perspektive stand. Die Pandemie hatte seit Anfang 2020 das Fundament der Kultur erschüttert – die organisatorisch und finanziell härteste Phase der Bewältigung fiel aber in die Amtszeit von Rebekka Fässler und Murielle Perritaz, die sie ausgesprochen souverän meisterten. Doch auch die Kulturpolitik der beiden Frauen hat ihren Preis: Die Streichung der Betriebsbeiträge für STOK und Keller 62 ist nicht irgendeine Entscheidung. Sie ist eine tektonische Verschiebung, die das Kräftefeld der Zürcher Kulturpolitik neu vermisst. Die beiden Häuser sind keine nostalgischen Überreste einer vergangenen Zeit, sondern jene Orte, an denen das Off-Theater sich immer wieder neu erfunden hat. Hier liegt die Ambivalenz des gegenwärtigen Moments: Die Diversifizierung der Förderung ist richtig – aber sie könnte zur Falle werden, wenn sie jene Strukturen gefährdet, die Diversität erst ermöglichen. Wird Zürich durch diese Neuausrichtung kulturell reicher? Oder verliert es die stillen Infrastrukturträger seiner eigenen kulturellen DNA? Das bisherige Agieren von Rebekka Fässler und Murielle Perritaz deutet darauf hin, dass die beiden grundsätzlich das richtige Augenmass mitbringen und auf eine tragfähige Lösung hinarbeiten. Dennoch sollte der Entscheid, den beiden Kleintheatern die Subventionen zu entziehen – und dies wegen vergleichsweise geringer Beträge –, nochmals sorgfältig überprüft werden. Immerhin konnten dort zahlreiche heute renommierte Schauspieler:innen, die nicht den klassischen Weg über eine etablierte Ausbildungsstätte gegangen sind, ihre ersten prägenden Bühnenerfahrungen sammeln.
Kultur mit wenig Gespür für ihre Orte
In diese Gemengelage reiht sich nun auch der Fall des blue Cinema Corso ein. In der Szene ist zu hören, die Stadt habe das traditionsreiche Kino im Haus Corso faktisch «rausgeekelt» – nicht durch einen offenen kulturpolitischen Entscheid, sondern durch strukturelle Passivität oder fehlende kulturpolitische Priorisierung an einem der symbolträchtigsten Orte Zürichs. Besonders irritierend ist, dass dabei offenbar übersehen – oder in Kauf genommen – wurde, dass das blue Cinema Corso quasi das Herz des Zurich Film Festival ist. Wo sollen die internationalen Gäste und Stars künftig hin? Mit dem «Märlitram» an die versiffte Langstrasse? Zusätzlich verstörend wirkt, dass Festivaldirektor Christian Jungen, wie er öffentlich mitteilte, nicht persönlich informiert wurde, sondern den Sachverhalt aus der Presse erfahren musste. Wie schon beim Museum Strauhof und beim Pfauensaal zeigt sich auch beim blue Cinema Corso ein Mangel an kulturpolitischem Fingerspitzengefühl – an Gespür für symbolische Orte, für Rituale, für kulturelle Ökosysteme.
Im besten Fall nimmt die Geschichte jedoch denselben Verlauf wie zuvor: öffentlicher Druck, viele Unterschriften, politisches Zurückkrebsen. Der neue Stadtpräsident oder die neue Stadtpräsidentin möge es richten.