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Spanische Literatur und eine Schweizer Ikone

Die Literaturtag Zofingen warteten mit dem Gastland Spanien und einer Graphic Novel auf.

Das Gastland verspricht «sprühende Kreativität» und Vielfalt, geschrieben wird hier nicht nur auf Spanisch, sondern auch auf Katalanisch, Baskisch und Galizisch. Divers sind so die Bücher auch selbst – mal in den Pyrenäen verortet oder ganz einer poetischen Stimme Ibizas gewidmet, ein «Leeres Spanien» beleuchtend oder mutig feministisch. Besonders neugierig durfte man auf die Graphic Novel «Annemarie» sein, zwei junge Spanierinnen werfen einen neuen Blick auf Annemarie Schwarzenbach.

Das waren drei Höhepunkte der diesjährigen Ausgabe.

Leeres Land
Kaum ein Buch hat Spanien in den letzten Jahren so sehr bewegt wie Sergio Del Molino mit «Leeres Land»: Darin erzählt der Autor vom extremen Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Eine andere Kulturgeschichte Spaniens, ein unterhaltsam zu lesender, faszinierender Essay über die Leere und die Spuren, die sie hinterlässt. Mehr als die Hälfte Spaniens ist leer: Die Bevölkerung verteilt sich zu etwa 75 % auf Madrid im Zentrum sowie die Küstenregionen. Der Rest ist Landschaft, mit sterbenden Dörfern und einer Bevölkerungsdichte, die in Europa nur von Lappland und Teilen Finnlands unterschritten wird. Sergio Del Molino hat die Geschichte dieses «leeren Spaniens» geschrieben: Er geht den Ursachen nach, wie der brutalen Industrialisierung unter Franco, und ebenso den Versuchen, die Landflucht aufzuhalten. Und er zeigt anschaulich, wie bedeutsam das «leere Spanien» in der kollektiven Bildwelt des Landes ist: im «Don Quijote» und bei Buñuel, in pädagogischen Missionen und Reiseberichten des 19. Jahrhunderts, als romantisierter oder dämonisierter Gegenpart der Stadt, die sich die Provinz immer neu erfindet – bis hin zu den Konflikten der Gegenwart. Del Molinos Buch hat in Spanien eine kaum vorstellbare Wirkung entfaltet, Parlamentsdebatten, Gegenbücher, sogar die Gründung einer Partei angeregt. Wer das Land und sein Selbstverständnis begreifen will, muss «Leeres Spanien» lesen. (Klappentext: Verlag Klaus Wagenbach)
Leeres Spanien | Sergio del Molino | ISBN 978-3-8031-3721-0
Moderation: Beat Sterchi, Dolmetscherin: Jacqueline Joss I Lesung auf Deutsch: Thomas Sarbacher
Sergio del Molino reiste schon vor dem Festival an, um sein Buch «Leeres Spanien» im Vorfeld den Kantonsschüler:inne von Zofingen und Aarau näherzubringen.

Graphic Novel zu Annemarie Schwarzenbach
Die Graphic Novel erzählt das faszinierende Leben der Schweizer Kultautorin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908–1942). Sie studierte in Zürich und Paris, nach ihrer Promotion schloss sie Freundschaft mit Erika und Klaus Mann und anderen antifaschistischen Intellektuellen in Berlin. Als wache Zeitzeugin reiste sie schreibend und fotografierend nach Russland, durch den Mittleren Osten, die USA und in den Kongo. Das kurze Leben der «unheilbar Reisenden» war stets überschattet von Spannungen mit ihrer konservativen Familie, von ihrer unerfüllten Liebe zu Frauen und der wiederkehrenden Morphiumsucht. Nach Filmen, Theaterstücken, Hörspielen und Büchern gibt es nun auch eine Graphic Novel über Annemarie Schwarzenbach. Das spanische Autorinnenduo María Castrejón und Susanna Martín bereichert mit seiner pointiert feministischen Perspektive die Wahrnehmung dieser talentierten, schillernden und tragischen Ikone aus der Zwischenkriegszeit. (Klappentext: Lenos Verlag)
Annemarie | María Castrejón und Susanna Martín | ISBN 978-3-03925-020-2
Moderation: Christina Caprez, Dolmetscherin: Eva de Camaro

Im Geiste Robert Walsers
Vicente Valero wurde 1963 auf Ibiza geboren. In seiner Heimat war er zunächst als Lyriker bekannt; seit 1987 hat er sieben Gedichtbände veröffentlicht, zudem verfasste er umfangreiche Essays zu verschiedenen literarischen Themen. In seinem ersten Roman «Die Fremden» verknüpft Valero vier Lebensläufe «verlorener Söhne» miteinander und schreibt über diejenigen, die sich aus allen Bindungen lösten, der Familie verloren gingen und von denen manchmal nicht einmal Fotos übrig blieben. In «Übergänge» erzählt er die Geschichte einer Jungenclique, die auf Ibiza aufwächst während der ausgehenden Franco-Zeit und der anschliessenden Transition zur Demokratie, und gibt einen sanft erzählten Einblick in die Geschichte und Gesellschaft Ibizas, in dunkle Ecken eines Landes und einer Freundschaft. In «Schachnovellen» bricht ein Literat in mehrere europäische Städte auf. Immer wieder ausgehend vom Schach selbst oder einer Begegnung mit Spielern begibt sich Valero auf die Suche nach den Spuren europäischen Denkens. In seinem neusten Werk «Krankenbesuche» erzählt er ein seltsames Kapitel Ibiza, aus der Zeit seiner Kindheit, ein Stück Land im Meer, wohin erst Künstler kommen, dann Ausländer und wo sich schnell alles verändert. Vicente Valeros Texte sind zart und subtil, sie kommen ohne Pathos aus. Seine intensive Beobachtungsgabe lässt an Robert Walsers Miniaturen denken – pures Lesevergnügen!
Ibizas poetische Stimme – ein Autor im Geiste Robert Walsers I Vicente Valero
Moderation: Peter Kultzen, Dolmetscherin: Eva de Camaro, Lesung auf Deutsch: Hanspeter Müller-Drossaart

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