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Martina Clavadetscher | Die Erfindung des Ungehorsams

Ihr zweiter Roman glänzt durch bewegende Sprache, einen originellen Plot und einen humorvollen, vorurteilsfreien Umgang mit dem Unheimlichen.

Drei Frauen in drei Welten, durch Kontinente und Jahrhunderte voneinander getrennt, sind auf der Suche nach einer Antwort, nach dem Kern der Dinge. Schicksalhaft sind sie miteinander verbunden und schreiten im Sog einer poetischen, klaren und raffiniert rhythmischen Sprache durch ihre Geschichten. Ein Roman zum mehrmals Lesen. arttv hat die gebürtige Zugerin im März getroffen und zu ihrem Roman befragt, nun erhält sie den Schweizer Buchpreis 2021.

Martina Clavadetscher studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Fribourg. 2006 wurde ihr erstes Theaterstück «Drei Frauen» in Luzern uraufgeführt. In den Jahren danach verfasste Clavadetscher weitere Theaterstücke und die Kolumne «Apropos» für das Schweizer Radio. In der Saison 2013/14 war Clavadetscher Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück «Umständliche Rettung» gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis. Ihr erster Roman «Knochenlieder» wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert. «Frau Ada denkt Unerhörtes» ihr letztes Theaterstück, das im September 2019 in Leipzig uraufgeführt wurde, beschäftigt sich schon mit Ada Lovelace und künstlicher Intelligenz. Martina Clavadetscher lebt und arbeitet in der Schweiz.

Ungeheurliche Intelligenz
Es ist kein Corona Buch, obwohl Masken und Keime darin vorkommen. Aber fertig geschrieben wurde es vor der Pandemie und ist eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine. Oder von Frau und Herrschaft. Oder von Anpassung und Ausbruch. Drei Frauen öffnen ein Fenster auf ihr Leben. Iris tigert in Manhattan durch ihr Penthouse und wartet voller Ungeduld auf die nächste Dinnerparty, die ihr wieder ein wenig Leben einhaucht. Ling, angestellt in einer Sexpuppenfabrik im Südosten Chinas, kontrolliert künstliche Frauenkörper auf Herstellungsfehler, bevor sie sich abends bei Filmklassikern in ihre Einsamkeit zurückzieht. Und im alten, düsteren Europa folgt die historische Ada Lovelace ihren mathematischen Obsessionen, träumt von Berechnungen und neuartigen Maschinen, das Ungeheuerliche stets im Kopf.

Stimmen
«Martina Clavadetscher nutzt das uralte Potenzial des Erzählens als Möglichkeitsraum und erschafft das Zusammenleben von Mensch und Maschine neu – nicht als angstbesetzte Dystopie, sondern als utopische Gegenwart (die künstlichen Frauen gibt es ja tatsächlich). Erzählt wird dies mit staunenswerter Lebendigkeit und Humor. Die Faszination dieses Romans verdankt sich nämlich nicht nur seinen aussergewöhnlichen Geschichten, dem anschaulichen Einblick in die Fabrikwelt in Guandong und dem teils befremdlichen Personal, sondern zuallererst Clavadetschers Sprache. Es ist eine Sprache voller Dinge und Gedanken, voller Bewegung und Lichtwechsel. In ihrem realitätsgesättigten und zugleich kunstvollen Erzählen verschmilzt die 41–jährige Autorin Lyrik, Drama und Prosa. Die Zeilenbrüche geben der verdichteten Sprache Rhythmus und Raum – und führen ins Freie, in die offene Welt unerhörter Geschichten. Auch das beweist dieses Buch: Schweizer Gegenwartsliteratur kann auch anders, als von eigenen Befindlichkeiten zu erzählen.» – Martina Läubli, NZZ – Bücher am Sonntag | «Als Leserin kann man sich vom rhythmischen Erzählfluss mit­reissen lassen – und, kaum ist die letzte Seite gelesen, wieder von vorne beginnen, da sich einige Geheimnisse erst im letzten Teil erschliessen.» – Babina Cathomen, Kulturtipp

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