Ein Mann, der sein Leben lang vom Witz lebte, veröffentlicht plötzlich einen Roman über einen Unfall, eine Familie und die Zumutung des Weiterlebens und überrascht damit eine ganze Branche. Ein Richtungswechsel oder Boxenstopp?
Domenico Blass legt mit «Freier Fall» seinen ersten Roman vor
- Publiziert am 27. Januar 2026
Buchvernissage im Kaufleuten
Keine Bühne hat Domenico Blass in seiner langen Laufbahn öfter bespielt als den Festsaal im Zürcher Kaufleuten. 270 mal als Headwriter von «Giacobbo/Müller». Und bereits 42 mal als Senior Advisor von «Late Night Switzerland». Aber immer schön im Hintergrund. Jetzt betritt er diese Bühne als Gesprächsgast – in einer neuen Rolle: als Autor seines ersten Romanes.Die Vernissage wird moderiert von Monika Schärer, die ab 1994 die Kultursendung «neXt» präsentierte (wo Domenico im Gründungsteam mitwirkte). Vorlesen wird Stefan Gubser, der im Jahr 2000 den Bösewicht im Thriller «Spuren im Eis – Adrenalin-Junkies» gespielt hat (den Domenico geschrieben hat).
Lachen als Lebensunterhalt
Seit er das Gymnasium abgeschlossen hat, lebt Domenico Blass vom Schreiben: zuerst für Werbekunden, dann für Medien, später für Fernsehen, Kino und Bühne. Die Texte wurden länger, die Themen persönlicher, das Ziel blieb erstaunlich konstant – unterhalten, zum Lachen bringen, Leichtigkeit erzeugen. Wer seinen Namen liest, rechnet mit Humor, mit einer Pointe, mit einem eleganten Ausweg aus dem Ernst. Dieser Weg führte jedoch nicht zu Distanz, sondern zu immer mehr Nähe. Wer über Jahre hinweg Unterhaltung produziert, weiss, wie viel Realität darin steckt – und wie dünn die Linie ist, die das Komische vom Ernsthaften trennt.
Ein Roman ohne Sicherheitsnetz
Und dann das: ein Romandebüt. Kein Gag-Feuerwerk, kein ironischer Sicherheitsabstand, sondern ein Ernstfall. In Freier Fall geht es um eine junge Frau, die beim Basejumping schwer verunfallt und querschnittgelähmt ist – und um ihre Eltern, die mit diesem Einschnitt völlig unterschiedlich umgehen. Die Mutter akzeptiert, organisiert, sucht pragmatische Lösungen. Der Vater hadert, verweigert sich dem Endgültigen und setzt seine Hoffnung auf neue Technologien. Zwei Haltungen, ein Schmerz – und die Frage, wie Nähe möglich bleibt, wenn das gemeinsame Leben aus den Fugen gerät. Humor ist dabei nicht verschwunden, aber er hat die Funktion gewechselt: Er hilft, durchzuhalten, nicht zu lachen.
Eine Ausnahme mit Fragezeichen
Dass ausgerechnet ein Autor, der jahrelang für das kollektive Lachen zuständig war, nun rund 450 Seiten Ernst vorlegt, wirkt weniger widersprüchlich, als es scheint. Freier Fall ist kein Buch über Technik oder Behinderung, sondern über Beziehungen unter Druck, über Elternliebe, Überforderung und den mühsamen Versuch, gemeinsam weiterzuleben. Und doch bleibt ungewiss: Ist der Roman eine Ausnahme im Lebenswerk von Domenico Blass? Bleibt alles andere lustig, wie seine legendäre Hirschen-Soirée mit falschem Blocher und echtem Ackeret, der Essay fürs Opernhaus-Magazin mit Blick Richtung Boulevard-Theater, neue Theaterprojekte auf dem Schreibtisch? Der Witz macht Pause – aber er ist nicht weg.
Am Schluss bleibt die Frage, halb ernst, halb schelmisch: Ist dieser Roman sein Erstling – oder gleich auch sein Letztling?
