Der Baron reitet auf Kanonenkugeln, fliegt zum Mond und erzählt mit grösster Selbstverständlichkeit die unglaublichsten Geschichten. Doch hinter dem populären Bild des «Lügenbarons» verbirgt sich ein erstaunlich komplexes kulturelles Phänomen. Die Ausstellung Phänomen Münchhausen im Strauhof folgt einer Figur, die seit dem späten 18. Jahrhundert Literatur, Bildwelten und Medien durchdringt – als Satire, als Projektionsfläche und als Spiegel gesellschaftlicher Sehnsüchte.
Der Strauhof erforscht das Phänomen Münchhausen: Wie der Lügenbaron Literatur, Bilder und Medien eroberte
- Publiziert am 16. Februar 2026
Abenteuer, Übertreibung und subversiver Witz: Die Ausstellung zeigt, weshalb Baron Münchhausen weit mehr ist als eine Figur der Unterhaltung.
Die Quelle: Münchhausen-Bibliothek Zürich
Grundlage der Ausstellung sind die Bestände der Münchhausen-Bibliothek Zürich, einer einzigartigen privaten Forschungsbibliothek. Ihr Gründer Bernhard Wiebel dokumentiert seit über drei Jahrzehnten die Vielgestaltigkeit des Phänomens – von frühen Erstausgaben bis zu filmischen und popkulturellen Ausprägungen.
Vom Bestseller zum Mythos
1785 erscheint in London Baron Munchausen’s Narrative of His Marvellous Travels and Campaigns in Russia. Verfasst hat den anonymen Text der deutsche Gelehrte Rudolf Erich Raspe, der damit einen unerwarteten Bestseller landet. Raspe erweitert das Werk kontinuierlich: Bis 1789 wächst der Text um rund 200 Seiten, 1792 verdoppelt er mit einem Sequel den Umfang erneut. Schon früh wird Münchhausen in zahlreiche Sprachen übersetzt, adaptiert, ausgeschmückt – und immer weiter erfunden. Dass die Geschichten ebenso gut in Bilder wie in Worte passen, beschleunigt ihre Verbreitung. Illustration, Bilderbogen, Kinderbuch und später der Film machen aus Münchhausen eine der langlebigsten Figuren der europäischen Populärkultur.
Drei Männer, ein Phänomen
Der literarische Münchhausen ist das Produkt mehrerer Biografien. Sein unfreiwilliger Namensgeber, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, war ein realer Adliger und begabter Erzähler, der jedoch nie etwas publizierte – und die literarische Vereinnahmung seines Namens als Kränkung empfand.Den entscheidenden Popularitätsschub im deutschen Sprachraum verdankt Münchhausen dem Dichter Gottfried August Bürger. Er übersetzt Raspes Texte 1786, erfindet neue Episoden hinzu und prägt mit sprachlicher Virtuosität jene Geschichten, die bis heute bekannt sind: der Ritt auf der Kanonenkugel oder die Selbstrettung aus dem Sumpf.
Aufklärung, Satire und Grenzüberschreitung
Münchhausen ist kein naiver Fantast. Als Figur der Aufklärung kommentiert er politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten seiner Zeit. Kriegsheldentum wird karikiert, kirchliche Autorität persifliert, koloniale Reiseberichte werden im Sequel grotesk gespiegelt – bis hin zur Umkehr der Perspektive, wenn Schwarze Seefahrer weisse Sklaven verschleppen. Besonders zentral ist das Motiv des Fliegens. Ballone, künstliche Flügel und Adler stehen für technische Euphorie und gesellschaftliche Grenzüberschreitung. Münchhausen bewegt Häuser durch London, überquert Ozeane und besucht den Mond – nur um den Fortschrittsoptimismus sogleich zu unterlaufen: Ballonfahrer verlieren die Kontrolle, technische Wunder enden als Kuriositäten im Raritätenkabinett. Staunen und Skepsis liegen dicht beieinander.
Kinderbuch, Kultfigur, Kuriosität
Obwohl nicht für Kinder geschrieben, wird Münchhausen zum Kinderbuchklassiker. Die Gewalt ist überzeichnet, die Moral aufgehoben – wie im Märchen oder im Cartoon. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um Erzähllust, Übertreibung und Fantasie. Im 19. und 20. Jahrhundert explodiert das Münchhausen-Universum: Hörspiele, Opern, Comics, Filme, Propaganda, Postkarten, Spiele, Alltagsobjekte. Münchhausen wird zur Chiffre – für Lüge und Täuschung ebenso wie für kreative Freiheit. Selbst in Medizin und Philosophie lebt der Name weiter, etwa im Münchhausen-Syndrom oder im Münchhausen-Trilemma.
Fazit
Phänomen Münchhausen zeigt, warum diese Figur bis heute funktioniert: weil sie Wahrheit und Lüge mit sichtlichem Vergnügen vermischt, Fortschrittsglauben feiert und zugleich ad absurdum führt – und ihr Publikum konsequent auf sich selbst zurückwirft. Vielleicht ist das kein Zufall, sondern ein Glücksfall: eine Ausstellung zur rechten Zeit, in einer Gegenwart, in der Fake News und Deepfakes die Fähigkeit zur eigenen Urteilskraft wieder zur kulturellen Schlüsselkompetenz machen.