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Migros Museum für Gegenwartskunst | Extra Bodies – The Use of the ‹Other Body› in Contemporary Art

Die neue Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst untersucht das künstlerische Phänomen, auf ‹andere Körper› zurückzugreifen.

Zu sehen sind eine Vielzahl von Arbeiten, welche sich durch ihren Aufführungscharakter auszeichnen. Die umfangreiche Gruppenausstellung bespielt beide Stockwerke des Museums und schliesst auch Werke aus der Sammlung ein.

Arbeiten mit Aufführungscharakter
Die Ausstellung untersucht ein künstlerisches Phänomen, das sich in den 1990er Jahren verstärkt abzeichnet und zu Beginn des neuen Jahrtausends einen Boom erlebt: Es ist die künstlerische Praxis, auf ‹andere Körper› zurückzugreifen. Diese ‹anderen Körper› werden von den Künstlern aufgrund ihrer spezifischen sozialen oder biosozialen Rolle ausgewählt – und könnten somit auch als Statisten (engl.: «extras») bezeichnet werden. Alle Arbeiten zeichnen sich durch ihren «Aufführungs»-Charakter aus. Auffällig ist dabei, dass der Betrachter weder eingebunden noch zur Teilnahme eingeladen wird. Anders als in vielen künstlerischen Produktionen, die unter dem Begriff der Relationalen Ästhetik diskutiert werden, wird Partizipation hier nicht eingefordert. Die umfangreiche Gruppenausstellung diskutiert die unterschiedlichen Präsentationsmodi und Funktionen von Statisten in ihren sozialen und biosozialen Rollen.

Der Mensch als Teil eines «kollektiven Körpers»
Die Ausstellung vereint wichtige Positionen, die den ‹anderen Körper› einsetzen, erhebt jedoch
nicht den Anspruch, einen umfassenden Kanon in diesem thematischen Feld zu etablieren. Auf
eine reale Präsenz des ‹anderen Körpers› in der Ausstellung wird dabei verzichtet, obwohl sie ein
konstitutives Element für die Entstehung der in diesem Kontext besprochenen Arbeiten ist. Stattdessen sollen die unterschiedlichen Präsentationsmodi gezeigt werden, die es erlauben, das Phänomen des ‹anderen Körpers› in der zeitgenössischen Kunst unter verschiedenen Aspekten zu diskutieren. In den Arbeiten steht meistens nicht der Mensch als Individuum im Zentrum, sondern er tritt in Gruppenformationen als Teil eines «kollektiven Körpers» auf. Es ist auffällig, dass das vermehrte Erscheinen des «extra body» zeitlich mit der Deregulation der Märkte zu Beginn der 1990er Jahre zusammenfällt. Bezeichnend für diese Entwicklung ist, dass die menschliche Arbeitskraft dank einer globalen Ausweitung immer kostengünstiger wird – ein Phänomen, das Luc Boltanski und Ève Chiapello als den «neuen Geist des Kapitalismus» beschrieben haben. Maurizio Lazzarato spitzt diese These noch zu mit der Feststellung, dass das Leben in der aktuellen Wirtschaft zu einer Währung geworden sei.

global orientiert, mobil, flexibel, opferbereit
Die Mehrzahl der gezeigten Arbeiten im Erdgeschoss stammen aus der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts, ergänzt durch kunsthistorische Beispiele. Im oberen Stockwerk werden lediglich drei künstlerische Positionen (Jonas Staal, Guy Ben-Ner und Artur Żmijewski) gezeigt, die das Thema des ‹anderen Körpers› aus einer aktuellen Situation heraus reflektieren. Diese Arbeiten sind alle im Verlauf des letzten Jahres entstanden und thematisieren den sich in Migration befindenden Körper, laut Mark Terkessidis eine «Art ungeliebtes ‹Schattenego› der Westler: global orientiert, mobil, flexibel, opferbereit». Kein anderer Statistenkörper hat unsere gesellschaftspolitischen Diskussionen in den letzten Jahren stärker geprägt. Die Rolle des Statistenkörpers kann dabei im Spiegel sozioökonomischer Veränderungen gelesen werden und ist Bestandteil des Diskursfeldes rund um Biopolitik, Globalisierung und Neoliberalismus.

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