Persönlicher Zugang zur Kunst
Leopold Weinberg im Zürcher Hotel Felix Scheker
Leopold Weinberg, Ihre Mutter hat Sie früh mit Kunst in Berührung gebracht. Welche Rolle spielte dieses persönliche Umfeld für Ihr heutiges Verständnis von Kunst und Sammlung?
Kunst war für mich nie etwas Abstraktes, sondern immer Teil des Alltags. Materialien, Farben und vor allem die schöpferische Energie haben mich früh geprägt. Ebenso die Erkenntnis, dass Kunst weit über das Abbildhafte hinausgeht – dass wenige Linien oder eine abstrakte Geste oft mehr fassen können als eine realistische Darstellung. Im Architekturstudium hat sich dieses Verständnis weiter geschärft. Zu sammeln begann ich mit Anfang zwanzig, als ich meine erste Wohnung einrichtete. Mir wurde schnell klar: Ein Raum verändert sich grundlegend, sobald Kunst präsent ist – er gewinnt an Tiefe, Spannung und Identität.
Sie beschreiben Kunst nicht als Besitz, sondern als soziale Praxis. Wann wurde Ihnen klar, dass Sammeln allein für Sie nicht mehr genügt?
Als meine Wände voll waren – und meine Neugier nicht. Ich habe selten mit einem festen Platz im Kopf gekauft, sondern aus einem Impuls heraus. Viele Arbeiten konnte ich privat gar nicht zeigen. Der Schritt in unsere Betriebe war daher naheliegend. Dort begann das eigentliche Spiel: Hängen, Umhängen, Gegenüberstellen. In diesem Moment wurde mir klar, dass mich nicht nur das Sammeln interessiert, sondern das Teilen – die Öffentlichkeit als Resonanzraum.
Als Architekt denken Sie stark in Räumen: Denken Sie Kunst grundsätzlich räumlich?
Nicht jedes Werk ist raumgreifend wie etwa die Arbeiten von Phyllida Barlow. Aber jedes Werk braucht einen präzisen Ort. Diese Setzung ist entscheidend und alles andere als trivial, besonders im Zusammenspiel mehrerer Arbeiten. Kunst ist immer räumlich erfahrbar und verändert ihre Umgebung. Manchmal wird sie sogar zum bestimmenden Element. Besonders interessieren mich dabei nicht die neutralen White Cubes, sondern Alltags- und Aussenräume – also Kontexte, die bereits aufgeladen sind.
Verändert Kunst einen Raum — oder verändert der Raum unsere Wahrnehmung von Kunst?
Beides. Es ist ein Wechselspiel. Der White Cube reduziert den Kontext bewusst, während alltägliche Räume komplexe Beziehungen erzeugen. Marcel Duchamp hat es treffend formuliert: „The spectator makes the picture.“ Bedeutung entsteht nicht isoliert, sondern durch Kontext, Inszenierung und Wahrnehmung
Die Idee der zeitgenössischen „Wunderkammer“
Im Larry’s-List-Interview sprechen Sie von einer zeitgenössischen „Wunderkammer“. Was bedeutet dieser Begriff heute für Sie?
Ein offener, freier Ausstellungsraum – mal dicht, mal reduziert. Ein Ort, der überrascht, irritiert und zum Staunen einlädt. Zeitgenössisch wird diese Idee durch den Dialog mit lebenden Künstler*innen. Es geht nicht nur ums Zeigen, sondern ums gemeinsame Entwickeln, ums Feiern, ums Erleben.
Historische Wunderkammern waren Orte des Staunens und Sammelns. Ihre Projekte hingegen werden genutzt und bewohnt. Ist Nutzung heute wichtiger geworden als reine Betrachtung?
Mich interessieren Räume, die mehr als eine Funktion haben. Diese Überlagerung macht sie lebendig. Im Hotelkontext bedeutet das: Der Gast tritt beim Check-in in eine Ausstellung ein. Kunst wird nicht isoliert betrachtet, sondern unmittelbar erlebt. Diese Form des Ankommens – zwischen Alltag und ästhetischer Erfahrung – ist für uns zentral.
Room For Art – Kunst im Alltag
Mit Room For Art wird Kunst Teil eines Hotels — also eines Ortes des temporären Lebens. Warum gerade ein Hotel und kein klassischer Ausstellungsraum?
Weil es bereits genügend klassische Räume gibt, die Kunst auf Distanz halten. Uns interessiert das Gegenteil: Kunst als selbstverständlicher Teil des Alltags. Unsere Gäste begegnen ihr beiläufig, aber intensiv. Und sie können mehr als nur betrachten – sie leben mit ihr. Ein Künstlerzimmer mit Originalwerken zu bewohnen, verändert die Beziehung zur Kunst fundamental.
Was passiert mit einem Kunstwerk, wenn man darin schläft statt es nur wenige Minuten betrachtet?
Es entfaltet sich. Über Zeit, über Wiederholung, über Nähe. Am besten erfährt man das selbst – etwa im Hotel Helvetia in Zürich.
Hotelgäste werden automatisch Teil der Installation. Ist diese Auflösung der Grenze zwischen Publikum und Kunst bewusst gesucht?
Ja. Viele Künstler:innen gestalten ihre Zimmer aktiv mit. Dadurch entsteht eine Situation, in der der Gast nicht mehr nur Betrachter ist, sondern Teil des Werks wird. Diese Durchlässigkeit ist zentral für unser Konzept.
Bis 2035 sollen 35 Künstlerzimmer entstehen. Verstehen Sie dieses Projekt eher als Sammlung, Ausstellung oder langfristiges kulturelles Experiment?
Als eine Mischung aus allem. Vor allem aber als Plattform. Die Kunstinitiative *Room For Art* wirkt auf mehreren Ebenen: Werke gehen in unsere Sammlung über, Ausstellungen schaffen Kontinuität, und über die Jahre entsteht ein vielstimmiges Bild zeitgenössischer Positionen. Langfristig denken wir in kulturellen Zusammenhängen – in der Tradition von Orten wie der Colombe d’Or in St. Paul de Vence.
Künstlerische Entscheidungen
Warum war Pamela Rosenkranz die richtige Künstlerin, um dieses Projekt zu eröffnen?
Pamela Rosenkranz war nicht der Anfang, aber ein bewusster Meilenstein. Vor ihr haben bereits zahlreiche Künstler*innen mit uns gearbeitet. Ihre Ausstellung war für uns der richtige Zeitpunkt, erstmals breiter an die Öffentlichkeit zu gehen – mit einer Kunstinitiative, die bereits Substanz hatte.
Gibt es Formen von Kunst oder bestimmte künstlerische Positionen, die in einem solchen Setting bewusst nicht funktionieren würden?
Ja. Ein Hotelzimmer muss funktional bleiben. Ich muss es also reinigen können, die Artefakte müssen vor Einwirkungen geschützt sein und ich würde vermutlich davon absehen, auch wenn mich persönlich Hermann Nitsch interessiert, ihn mit seinen blutüberströmten Bildern in einem Hotelzimmer zu zeigen.
Verändert sich ein Kunstwerk Ihrer Meinung nach, wenn es nicht im Museum, sondern im Alltag erlebt wird?
Sie gewinnt an Reibung – und damit an Präsenz. Gute Kunst behauptet sich auch ausserhalb des Museums und transformiert ihre Umgebung. Gleichzeitig hat die museale Präsentation ihre eigene Berechtigung. Wir bewegen uns bewusst in einem freieren, experimentelleren Rahmen.
Neue Rolle privater Akteur:innen & Zukunft
Private Initiativen übernehmen heute zunehmend kulturelle Funktionen. Sehen Sie sich eher als Sammler, Produzent kultureller Räume oder als Vermittler?
In der Überschneidung. Mit der WACollection und der Kunstinitiative *Room For Art* sammeln wir, kuratieren, produzieren und vermitteln zugleich. Diese Hybridität entspricht unserer Arbeitsweise.
Wenn Kunst tatsächlich Teil unseres Alltags wird — verliert sie dann ihre Aura oder gewinnt sie erst ihre eigentliche Bedeutung?
Sichtbarkeit ist entscheidend. Kunst muss erfahrbar sein, um zu wirken. Museen bleiben unverzichtbar. Gleichzeitig glauben wir, dass Kunst im Alltag nichts verliert – im Gegenteil: Sie gewinnt an Nähe, Relevanz und Bedeutung, sofern sie mit der nötigen Sorgfalt präsentiert wird.
Vielen Dank für das Gespräch
