Kunst
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Im Kunst Museum Winterthur herrscht Krieg. Zum Glück nur in Form einer Ausstellung

Wie gehen Kunstschaffende im Verlauf der Jahrhunderte mit der Erfahrung von Kriegen um? Die Ausstellung «Kunst und Krieg» zeigt es uns.

In einem Streifzug von der Renaissance bis zur Gegenwart zeigt das Kunst Museum Winterthur ausgewählte Meisterwerke von Albrecht Dürer und Francisco de Goya über Käthe Kollwitz bis hin zu modernen Meistern wie Gerhard Richter. Anliegen der Ausstellung, deren Konzeption weit vor dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts entstand, ist es, ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen. Eine Ausstellung, aktueller als sie uns lieb ist.

«Ernste Spiele» von Harun Farocki

Der deutsche Experimentalfilmer Harun Farocki (1944–2014) hat sich über Jahrzehnte hinweg kritisch mit dem Krieg auseinandergesetzt. In einer seinen späten Arbeiten, der vierteiligen Serie Ernste Spiele, die von 2009 bis 2010 entstand und vollständig in der Ausstellung zu sehen ist, greift er das Thema abermals auf. Dabei thematisiert er, wie das Virtuelle, genauer die Welt der Videospiele und der Virtual Reality, Einzug in die moderne Kriegsführung hält. Dazu filmte er auf Stützpunkten des amerikanischen Militärs Soldaten bei der Ausbildung sowie Veteranen bei der Aufarbeitung des erlebten Krieges – Ernste Spiele deckt die grundlegenden Verbindungen zwischen Technologie und Gewalt auf.

Kleinformatige Grafik als unabhängige Kritik
Im Zentrum der Ausstellung stehen druckgraphische Zyklen, angefangen bei Albrecht Dürers Apokalypse über Jacques Callot Misères de la Guerre und Francisco de Goyas Desastres de la Guerra. Es zeigt sich, dass gerade in der Druckgraphik die Kunstschaffenden frei zu Werke gehen konnten und ihre individuelle Sicht auf den Krieg verarbeiten konnten. Hatten die Künstler:innen seit jeher gute Verdienstmöglichkeiten darin gefunden, die Schlachten und Siege ihrer Herrscher in grossen Gemälden und Denkmälern in Szene zu setzen, so zielt die kleinformatige Graphik auf eine dezidiert andere Lesart, auf eine Sicht von unten, gleichsam auf Augenhöhe mit den Opfern. Sie wurden meist ohne Auftrag, aus freien Stücken geschaffen und zeugen von einer privaten, kritisch-reflektierten Auseinandersetzung mit den Ereignissen. Im Falle Goyas wurde die Serie aufgrund ihrer Brisanz erst Jahrzehnte nach dem Tod des Künstlers publiziert.

Misères de la Guerre
Der Parcours durch die Jahrhunderte zeigt ausgewählte Meisterwerke, die zu Meilensteinen der künstlerischen Beschäftigung mit dem Krieg geworden sind. So gilt Jacques Callots Misères de la Guerre, entstanden während des Dreissigjährigen Kriegs, als erstes Werk der europäischen Kunst, das sich den Auswirkungen des Kriegs auf einfache Leute wie Bauern und Soldaten annahm und nicht davor zurückschreckte,
Brandschatzung, Raub, Mord und Plünderung ins Bild zu setzen. Damit thematisierte er die Gräuel seiner Zeit, statt Darstellungen zur Herrscherpropaganda zu produzieren. Das Werk stand in der Folge Pate für zahlreiche Nachfolger, deren berühmteste wohl Goyas Desastres de la Guerra sind. Daneben werden in der Ausstellung auch andere bekannte Namen präsentiert wie Giovanni Battista Tiepolo und Käthe Kollwitz, die ihrerseits jeweils für einen gänzlich eigenen Umgang mit dem Thema stehen.

Rarität aus Georg Reinharts Sammlung
Eine Besonderheit, die man als Besucher:in entdecken kann, ist die fast sechs Meter lange Zeichnung von Frans Masereel, die er für seinen Freund, den Winterthurer Sammler und Mäzen Georg Reinhart, schuf. Beinahe wie eine Graphic Novel angelegt, thematisiert die grossformatige Tuschezeichnung Masereels Flucht aus Paris 1942. Die Arbeit gelangte jüngst als Schenkung an das Kunst Museum Winterthur und ist im Rahmen der Ausstellung erstmals seit 1981 für die Öffentlichkeit zugänglich. Kombiniert werden diese Meisterblätter mit ausgewählten Gemälden und Skulpturen, darunter solche von Alberto Giacometti und Gerhard Richter. Den Abschluss und gleichzeitig den Sprung in die Gegenwart bildet der Werkzyklus «Ernste Spiele» von Harun Farocki.

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