In der Photobastei Zürich wird diese Verschiebung erfahrbar: Tage verlieren ihre Ordnung, Wochen ihre Verlässlichkeit, Zukunft verliert ihre Selbstverständlichkeit. «Ukrainisches Fototagebuch» versammelt Bilder von Profis, Kindern und Zivilist:innen – eine visuelle Chronik der schleichenden Verluste mitten aus dem Alltag eines Landes im Ausnahmezustand, das seit nur vier Jahren unter dem feigen Angriffskriegs Russlands leidet.
Die Uhr des Krieges: Ein ukrainisches Fototagebuch
- Publiziert am 5. Januar 2026
IM KONTEXT: I send you an Angel
I send you an angel ist die Geschichte zweier Menschen, die sich in den ersten Monaten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine kennenlernen.
Tatiana flüchtet im Frühjahr 2022 aus einem Dorf nahe Kyjiw, kehrt im Mai nach Hause zurück und findet einen kranken Welpen, sie nennt ihn Ray. Gemeinsam begleiten wir den kleinen Hund durch seine Behandlung und entdecken, dass wir beide Fotografinnen sind. Kurz darauf schickt mir Tatiana aus der Ukraine ihre alte analoge Kamera in die Schweiz. Hier entsteht eine Serie aus zwölf Bildern, die zugleich das Schöne und die Hoffnung, aber auch Trauer, Verletzlichkeit und Verzweiflung zeigen und zulassen. Die Bilder sind ein Geschenk an Tatiana.
Eine fotografische Arbeit von Simone Plüss – www.simpluessphoto.ch

Wenn Zeit zerbricht
Krieg zerstört nicht nur Häuser und Infrastrukturen, er greift tiefer: in Routinen, Beziehungen, Gewissheiten. Das schweizerisch-ukrainische Projekt Ukrainisches Fototagebuch macht sichtbar, was oft unsichtbar bleibt – den langsamen Verlust von Normalität. Die Bilder erzählen nicht von Frontlinien, sondern von Küchen, Schulwegen, Schlafzimmern, Wartezimmern. Von Momenten, in denen nichts explodiert, aber alles kippt. Zeit wird gedehnt, angehalten, wiederholt sich – und verliert dabei ihre Richtung.
Ein offenes Archiv des Alltags
Initiiert wurde das Projekt 2022 vom Schweizer Fotografen Patrick Lüthy aus Olten. Während er Evakuierungen ukrainischer Kriegsflüchtlinge in die Schweiz begleitete, entstand aus Begegnungen die Idee eines offenen, zugänglichen Fototagebuchs. Seither wächst das Online-Archiv kontinuierlich weiter: Auf www.ukrainianphotodiary.org stehen professionelle Fotografien neben Handyaufnahmen von Kindern und Privatpersonen. Kein kuratierter Blick von aussen, sondern ein vielstimmiges Archiv von innen.

Zwölf Kapitel des Verlusts
Aus diesem Bildfundus entwickelte sich die Ausstellung «Die Uhr des Krieges». Ihr Konzept folgt der Metapher einer Uhr: zwölf Kapitel, zwölf Gesichter des Verlusts. Jede Station steht für etwas, das mit fortschreitender Dauer des Krieges schwindet – Sicherheit, Nähe, Unbeschwertheit, Vertrauen. Zusammen ergeben sie ein beklemmend klares Bild davon, was Zeit im Krieg bedeutet: nicht Fortschritt, sondern Abtrag. Die Photobastei Zürich zeigt nun eine kuratierte Auswahl dieser Arbeiten – konzentriert auf zivile Lebensrealitäten und auf das, was nicht plötzlich verschwindet, sondern Tag für Tag weniger wird.
