Rezensionen
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Albert Anker. Malstunden bei Raffael

Für alle, die Endo Anaconda schmerzhaft vermissen und den Schweizer Maler Albert Anker (1831 – 1910) neu kennenlernen wollen

Endo Anaconda begegnet Albert Anker dort, wo einem der Künstler so nahe kommt wie nirgendwo sonst – im Atelier des Malers im Seeländer Dorf Ins, einem der wenigen Künstlerateliers aus dem 19. Jahrhundert, die im Originalzustand erhalten geblieben sind. In dieser raumgewordenen Enzyklopädie mit unzähligen «Exponaten» vom Boden bis zur Decke lässt sich bis in die hintersten Winkel erforschen, was Anker liebte, bewunderte, wonach er sich sehnte, was ihm Vergänglichkeit und Tod vergegenwärtigte.

«Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Arbeiten, ich finde sie so tüchtig und fein empfunden. Er ist noch ganz vom alten Schlag.»
Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo, 1883

«Und in den alten Schränken sind Trachten und wunderliche alte Hüte, und in einem Fach, das wir besonders gut kennen, liegen die Puppen, die Grossvater selber gemacht hat: der Königssohn, die Königstochter, der böse Mann im roten Mantel und der ehrwürdige Einsiedler. Abends spielt uns der Grossvater hinter einer Stuhllehne wunderbare Stücke mit diesen Puppen: Die Königstochter – Grossvater nimmt für sie eine ganz besonders schöne zarttönende Stimme an – verirrt sich, begegnet dem bösen Mann, der ihr den prächtigen Halsschmuck rauben will. Er bedroht sie sogar mit dem grossen Schwert. Auf ihre Hilferufe eilt der Königssohn herbei, er durchbohrt den bösen Mann, der unter argen Verwünschungen stirbt, und der ehrwürdige Einsiedler kommt eben recht, um den Königssohn mit der geretteten Königstochter zu trauen.»
Dora Brefin-Oser (Enkelin), 3. August 1935

Albert Anker. Malstunden bei Raffael | Synopsis

Albert Anker hat mit seinen lebhaften Ölgemälden das schweizerische Volksleben eingefangen wie kein Zweiter. Sein Atelier in Ins im Berner Seeland, das er 1859 im Dachgeschoss seines Familienhauses eingerichtet hat, ist bis heute weitgehend in der Originalausstattung erhalten geblieben. Zusammen mit dem Musiker Endo Anaconda und einem Ensemble aus charismatischen Protagonist:innen nimmt uns Filmemacher Heinz Bütler mit auf eine Entdeckungsreise durchs «Anker-Haus». Durch die kollektive Erforschung der Räumlichkeiten schafft er eine erfrischend neue Perspektive auf den Schweizer Künstler, die mit Klischees und vorschnellen Vereinnahmungen aufräumt.

Albert Anker als Puppenspieler

In «Alber Anker. Malstunden bei Raffael» wagt Endo Anaconda in Ankers Haus eine radikal subjektive, kenntnisreiche und humorvolle Auseinandersetzung mit Albert Anker (1831 – 1910), die auch aufräumt mit Klischees und vorschnellen Vereinnahmungen. Und Endo ist nicht allein: Der Pianist Oliver Schnyder spielt den Soundtrack zum Film und, im Salon von Familie Anker, auf dem Hausklavier live zu «Comics», die der Maler für seine Tochter Louise zeichnete. Weiter im Film: Albert Anker als Puppenspieler. Die von ihm gemachten Puppen sind eine wahre Kunstsensation, die auch viele Fachleute nicht kennen. Ebenso im Film zu sehen und zu entdecken, die unbekannten wie spektakulären Carnets des Künstlers, die bis nach Key West und Kuba führen und in wildem Durcheinander alles enthalten, was Anker nie mehr vergessen wollte. Sohn Maurice stört die Ordnung und bereist die Weltmeere.

Lässt sich Albert Anker ohne Impressionismus verstehen? Nein.

Eine Rezension von Madeleine Hirsiger

«Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Arbeiten. Ich finde sie so tüchtig und fein empfunden. Er ist noch ganz vom alten Schlag.» Das schreibt Vinzenz van Gogh 1883 an seinen Bruder Theo. Albert Anker, der von 1831-1910 vor allem im seeländischen Ins lebte, wird schnell einmal als Heimatmaler klassiert. Ach ja, der mit den schön gemalten Mädchen beim Stricken, seine Kinderporträts, die Gemälde von Schulklassen oder seine Stillleben. Anker, der genaue Beobachter mit einer unglaublichen Fertigkeit in der Darstellung von Szenen aus dem alltäglichen Leben des 19. Jahrhunderts. Er war ein Maler, dessen Sujets als Drucke in so vielen Bauernstuben oder Wohnungen hängen oder gehangen haben. (Auch wir hatten einen zu Hause!) Aber Albert Anker, der vor dem Malstudium Theologie studiert hatte, war viel mehr, als so allgemein wahrgenommen wird. Das lehrt uns der Dokumentarfilm von Heinz Bütler.

Die Machart

Bütler greift zu einfachen, aber effektvollen Mitteln. Er führt uns ins Atelier von Albert Anker, in den Dachstock seines Bauernhauses, von dem der Kunsthändler Eberhard Kornfeld sagt, es sei wohl das einzige noch im Original existierende. Das von Alberto Giacometti hätten sie ja zerstört. Es ist ein Reich voller Erinnerungen, voller Lebendigkeit und Vielfalt. Man lernt Anker in seiner Grösse und Komplexität kennen, auch als Gelehrter und kommt aus dem Staunen kaum heraus: Sein Leben in Paris, seine Sprachgewandtheit (in sieben Sprachen konnte er parlieren), seine Bescheidenheit. Lieber ein rechtschaffener Mensch sein als ein berühmter Maler, hat er einmal geschrieben. Und Bütler macht geniale Schachzüge: Der Berner Musiker Endo Anaconda, der wenig später nach den Dreharbeiten verstarb, führt uns staunend durchs Atelier, macht uns auf kleine Dinge aufmerksam, kommentiert, was er sieht. Oder der Einsatz des Pianisten Oliver Schnyder, der auf dem alten Klavier in der Wohnstube auch Musik des Norwegers Edvard Grieg spielt, der wohl eine ähnliche Persönlichkeit wie Anker gewesen sei. Und der Schriftsteller Alain Claude Sulzer stöbert in der 1000-bändigen Bibliothek.

Anker in Paris

Die engagierte Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee, ordnet alles kunsthistorisch ein – eine Freude, ihr zuzuhören. Anker ging 1854 zum ersten Mal nach Paris und pflegte dort enge Kontakte zu andern Künstlern. «Er war sehr wohl vom Impressionismus beeinflusst. Er war nicht an der Spitze der Bewegung, aber er hat sie mitreflektiert. Ohne das, schiebt man ihn in eine ganz falsche Ecke.».

Fazit: Bütler gelingt es, uns in Ankers Atelier einzuschliessen und uns dort bei den Werken dieses bemerkenswerten Künstlers verweilen zu lassen. Die vom Kameramann Sergio Cassini eingefangenen Bilder in warmen Tönen tun das ihre dazu. Er hätte gerne Malstunden bei Raffael gehabt, notierte Anker in eines seiner Carnets. Die beiden haben sich hoffentlich im Himmel getroffen. Dieser Porträtfilm öffnet neue Perspektiven und stellt den grossartigen Künstler in ein neues, internationales Licht.

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