Ein Körper, ein Geist, ein Leben im Schleudergang: Was passiert, wenn das eigene Leben jede Kontinuität verliert? Wenn Vergangenheit brüchig wird und Zukunft ungreifbar? Thomas Melle beschreibt in seinem Roman – der auf der eigenen Krankheit basiert – die bipolare Störung als existenziellen Ausnahmezustand, als ständige Verschiebung der Realität, als Verlust eines stabilen Selbst. Eine Eigenproduktion des Kurtheater Baden, die mentale Krankheit nicht erklärt, sondern erlebbar macht.
Thomas Melles radikaler Roman «Die Welt im Rücken» erstmals auf einer Schweizer Bühne
Thomas Melle – Schreiben am Rand des Selbst
Thomas Melle (1975 in Bonn) gehört zu jenen Autoren, die das eigene Leben nicht als Stoff verstecken, sondern literarisch riskieren. Nach seinem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Berlin und Texas machte er früh mit Romanen wie «Raumforderung» (2007) und «3000 Euro» (2014) auf sich aufmerksam – präzise, unerbittliche Sezierungen einer überforderten, leistungsgetriebenen Gegenwart.
Den grossen Einschnitt markierte «Die Welt im Rücken» (2016). In diesem autobiografischen Roman schreibt Melle gegen das Zerbrechen des eigenen Ichs an: gegen manische Schübe, gegen depressive Abstürze, gegen das Verschwinden von Kontinuität. Schonungslos, klug und mit bitterem Humor erzählt er von einer bipolaren Störung, die nicht nur das Leben, sondern auch die Wahrnehmung der Realität verändert. Das Buch wurde international beachtet und gilt heute als eines der eindringlichsten literarischen Zeugnisse psychischer Erkrankung.
Melle arbeitet nicht nur als Romanautor, sondern auch fürs Theater und als Übersetzer, unter anderem von zeitgenössischen Shakespeare-Bearbeitungen. Was seine Texte verbindet, ist eine Sprache von grosser Klarheit – analytisch scharf, radikal offen und immer am Rand dessen, was sagbar scheint.
Ein literarischer Grenzgang
Der Text von Thomas Melle ist keine Krankengeschichte, sondern ein radikaler literarischer Grenzgang: sprachlich präzise und gnadenlos offen, immer wieder von bitterem, absurdem Humor durchzogen. Er macht psychische Erkrankung nicht erklärbar, sondern spürbar – als Zustand permanenter Verunsicherung und Verlust von Kontinuität und Selbstgewissheit. Dass der Roman 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, überrascht nicht: Selten wurde das Innenleben eines Erkrankten so ungeschönt und zugleich so kraftvoll erzählt.
Nähe als Zumutung
Mit der Schweizer Erstaufführung wagt sich das Kurtheater Baden an einen Text, der keine Distanz zulässt. Regisseurin Johanna Böckli nähert sich Melles autobiografischem Material körperlich und unmittelbar. Im Zentrum steht Johann Jürgens, der den zerrissenen Erzähler nicht «spielt», sondern durchlebt. Präsenz, Stimme und musikalische Sensibilität verdichten den Abend zu einem intensiven Monolog zwischen Selbstbehauptung und Kontrollverlust. DIE WELT IM RÜCKEN ist kein leicht konsumierbarer Theaterabend, sondern eine notwendige Zumutung: verstörend, berührend und lange nachhallend.
