Tanz

«Nachtträume» und das Ballett Zürich, das ist so was von genial!

Unvergessliche Bilder von fotografischer Intensität, das ist das Markenzeichen von Marcos Morau

Zum ersten Mal arbeitet der derzeit international gefragte spanische Choreograf mit dem Ballett Zürich zusammen. Ausgangspunkt seiner neuen Kreation ist «Der grüne Tisch», ein legendäres Tanzstück von Kurt Jooss aus dem Jahr 1932. Darin schienen die Tänzer:innen anonymen Mächten ausgeliefert, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges, um einen «grünen Tisch» versammelt, über das Schicksal von Millionen entscheiden. Das Resultat Moraus Arbeit ist schlicht grossartig.

«Zuweilen denkt man, dass es schon enorm ist, was das Opernhaus Zürich an öffentlichen Geldern verschlingt. Geld, das der freien Szene entzogen wird. «Nachtträume» des spanischen Choreografen Marcos Morau ist jedoch wieder einmal ein Beispiel dafür, dass das Zürcher Opernhaus jeden investierten Rappen wert ist. Und Morau wiederum unterstreicht mit seiner neusten Arbeit endgültig, dass er zu recht als der Shootingstar innerhalb der Ballettszene gilt.» Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch

Expressionistische Tableaux und Science-Fiction

Neunzig Jahre danach fragt Marcos Morau in seinem neuen Stück «Nachtträume»: Sind wir dem Willen der Mächtigen ohnmächtig ausgeliefert? Wer entscheidet über die Befähigung zur Macht, und wer regiert die Welt? Die Stücke von Marcos Morau ziehen das Publikum in bewegte, unlösbare Bilderrätsel hinein. Ständig drohen sie auseinanderzubrechen und sind doch gleichzeitig abgründig und höchst unterhaltsam. Dabei leben Moraus expressionistische Tableaux von einem Bewegungsvokabular, das schnell, filigran und voller Witz daherkommt. Tanz ist für ihn immer auch Theater und Science-Fiction.

  • arttv Kommentar*

Marcos Morau erschafft wunderschöne, gewalttätige Traumbilder
In der grossartigen Choreographie von Marcos Morau nehmen Bariton Ruben Drole und das Züricher Ballett die Zuschauer:innen mit auf eine Albtraumreise in die Gefilde von Macht, Ohnmacht und kopfloser Gefolgschaft. In düsteren, kühlen Bildern vermag Morau Erinnerungen an die Stummfilmzeit und den aufkommenden Nationalsozialismus zu wecken. Die Parallelen zur aktuellen politischen Weltlage sind erschreckend. Eine sehnsuchtsvolle Traumwelt wird heraufbeschwört, die durch die ruckartigen Bewegungen der Tänzer:innen, die sich seltsam in einander zu verschlingen scheinen, immer wieder zerstört wird.

Ruben Drole schwelgt derweil als Mischung aus Königin, Conferencier und Diktator überschwänglich in Erläuterungen zur Macht, die in der Verachtung der eigenen Gefolgschaft gipfelt. Ob der Absurdität des Textes weiss man nicht, ob man lachen oder erschaudern soll. Zum Schluss doch noch Hoffnung. Das Volk wendet sich von seinem Führer ab und verschwindet zu Kurt Weills Lied «wie lange noch» quasi in der Hölle des Orchestergrabens. Wir fragen uns mit bangem Blick Richtung Russland: «Wie lange noch?» | Georg Kling

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