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Luzerner Theater | Invasion

Das Luzerner Theater wartet mit einem neuen, grossartigen Stück zur Integrationsdebatte auf. Echt puschig! «Invasion» ist ein genialer Theaterabend zwischen Secondo-Slang und Migrationsdrama.

Abulkasem, das perfekte Wort
Wer oder was ist Abulkasem? Ein einfacher Asylbewerber, der sich in Schwedens Hinterland versteckt, der als Apfelpflücker für 17 Kronen die Stunde ausgebeutet wird und der sich angesichts seiner auswegslosen Situation selbst zerstümmelt, indem er seine Finger auf die heisse Herdplatte drückt, so dass es nach verbranntem Wurst-Finger-Fleisch stinkt? Oder ist Abulkasem doch der fieseste Terrorist der Welt, die Inkarnation des Bösen, wie eine Expertengruppe zu wissen glaubt. Sie haben Abulkasems Leben analysiert, sie haben ihn gejagt, in die Enge getrieben. Die Polizei pflückt den Apfelpflücker. Ein schönes Früchtchen, dieser Abulkasem. Aber vielleicht ist Abulkasem ja auch bloss eine Romanfigur aus 1001 Nacht oder aus einem Theaterstück. Ein Stück, das sich eine Realklasse anschaut. Scheisse sei das, pissig, kackig eben. So die Worte der Kids. Oder doch nicht ganz? Wenigstens im Nachhinein hat für den schnauzbärtigen Pakistani das Ganze etwas Faszinierendes. Und so wird Abulkasem zu einem perfekten Wort, das für alles stehen kann. Für das Miese aber auch das Wunderbare. Für letzteres haben die Jugendlichen eine weitere Wortschöpfung kreiert: Puschig. Und genau das ist sie, die süsse blonde Schwedin, in die sich der Türke im rosa Pornohemd verliebt. Sie gibt ihm eine falsche Telefonnummer und lacht sich heimlich einen Schranz in den Bauch. Aber das weiss der Türke im rosa Pornohemd jetzt noch nicht, und darum ist das der schönste Abend seines Lebens, einer jener seltenen Abende, die nach Frühling riechen.

art-tv Wertung
Diese und noch weitere Geschichten erzählt «Invasion» auf total «puschige» Weise. «Abulkasem» im besten Sinne des Wortes halt. Die Erzählstränge verlaufen raffiniert, werden übereinander gelegt, ineinander verflochten und prallen doch immer wieder aufeinander. Intensiv! Hervorragende Schauspieler bieten ein hervorragendes Stück. Insbesondere Daniela Britt könnte man gut und gerne noch zwei weitere Stunden zusehen und zuhören. Aber auch die drei «Jungs» Nicolas Batthyany, Hans-Caspar Gattiker, Hajo Tuschy treiben «Invasion» mit ihrer Schauspielkunst gekonnt voran. Gekonnt auch die Inszenierung von Krzysztof Minkowski. Bar jeder Peinlichkeiten bringt er ein Stück auf die Bühne, das falsch interpretiert, auch reine Unterhaltung sein könnte. Minkowski aber schafft den Spannungsboden vom Unterhaltenden zum Nachdenklichen. Die lauten Töne werden dadurch lauter, die leisen leiser.
Nach Gisela Widmers Publikumserfolg «Biedermanns. umgezogen», leistet das Theater Luzern einen weiteren Beitrag zur Integrationsdebatte. Während bei Widmer der grosse Pluspunkt die Verbindlichkeit ihrer Aussage darstellt, ist es in Invasion gerade das Gegenteil, die Unverbindlichkeit. Sehenswert sind beide Produktionen und im Spannungsfeld ihrer Pole mehr als die Summe ihrer Teile. Knapp 90 Minuten beste Unterhaltung, Spannung, Sprachwitz aber auch Tiefgang, Verzweiflung und Empörung machen «Invasion» zu einem der gegenwärtig knackigsten Theaterabende zwischen Bellinzona und Basel. Aber genug geschwafelt! Invasion ist einfach nur sehr sehr sehenswert, «puschig» halt. Theater in seiner Bestform!

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