Ein Körper, ein Geist, ein Leben im Schleudergang: Was passiert, wenn das eigene Leben jede Kontinuität verliert? Wenn Vergangenheit brüchig wird und Zukunft ungreifbar? Thomas Melle beschreibt in seinem Roman – der auf der eigenen Krankheit basiert – die bipolare Störung als existenziellen Ausnahmezustand, als ständige Verschiebung der Realität, als Verlust eines stabilen Selbst. Eine Eigenproduktion des Kurtheater Baden, die mentale Krankheit nicht erklärt, sondern erlebbar macht.
Leben im Ausnahmezustand
- Publiziert am 5. Januar 2026
Das Kurtheater Baden bringt Thomas Melles radikalen Roman «Die Welt im Rücken» erstmals auf eine Schweizer Bühne.
Zum Autor
Thomas Melle (1975 in Bonn) ist ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Dramatiker. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Berlin und Texas und zählt heute zu den markantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bekannt wurde er zunächst mit Prosawerken wie «Raumforderung» (2007) und «3000 Euro» (2014), in denen er das Lebensgefühl einer überforderten, leistungsgetriebenen Gesellschaft präzise seziert.
Mit dem autobiografischen Roman «Die Welt im Rücken» (2016) erlangte Melle internationale Aufmerksamkeit. Darin beschreibt er schonungslos seine bipolare Störung, manische Episoden und den Verlust eines stabilen Ichs. Das Buch gilt als eines der eindrücklichsten literarischen Werke zur Darstellung psychischer Erkrankung. Neben seiner Prosa arbeitet Melle intensiv fürs Theater und als Übersetzer, unter anderem zeitgenössischer Shakespeare-Bearbeitungen. Seine Texte zeichnen sich durch sprachliche Präzision, analytische Schärfe und den Mut zur radikalen Offenheit aus.
Ein literarischer Grenzgang
Der Text von Thomas Melles ist keine Krankengeschichte, sondern ein radikaler literarischer Grenzgang: sprachlich präzise, gnadenlos offen, immer wieder von bitterem, absurdem Humor durchzogen. Thomas Melle macht psychische Erkrankung nicht erklärbar, sondern spürbar – als Zustand permanenter Verunsicherung, als Verlust von Kontinuität und Selbstgewissheit. Dass der Roman 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, überrascht nicht: Selten wurde das Innenleben eines Erkrankten so ungeschönt und zugleich so kraftvoll erzählt.
Nähe als Zumutung
Mit der Schweizer Erstaufführung wagt sich das Kurtheater Baden an einen Text, der keine Distanz zulässt. Regisseurin Johanna Böckli nähert sich Melles autobiografischem Material körperlich und unmittelbar. Im Zentrum steht Johann Jürgens, der den zerrissenen Erzähler nicht «spielt», sondern durchlebt. Seine Präsenz, seine Stimme und seine musikalische Sensibilität verdichten den Abend zu einem intensiven Monolog zwischen Selbstbehauptung und Kontrollverlust. DIE WELT IM RÜCKEN ist kein leicht konsumierbarer Theaterabend – sondern eine notwendige Zumutung: verstörend, berührend, lange nachhallend.

