Das Kunst Museum Winterthur präsentiert erstmals eine umfassende Einzelausstellung des international renommierten Künstlerduos Claire Fontaine in der Schweiz. Die Schau thematisiert die tiefgreifenden Veränderungen menschlicher Kommunikation im digitalen Zeitalter und reflektiert die zunehmende Standardisierung von Sprache, Emotionen und sozialen Beziehungen.
Ein Emoji statt 1000 Worte: Claire Fontaine und ihre Readymade-Emotionen
- Publiziert am 27. Februar 2026
Die Ausstellung «Sugar Free» im Kunst Museum Winterthur fordert uns dazu auf, unsere digitalen Kommunikationsgewohnheiten zu hinterfragen.
Das provokante Künstlerduo
Bekannt wurde Claire Fontaine unter anderem durch die neonleuchtenden Schriftzüge «Fremde überall», die 2024 als Leitmotiv der Biennale von Venedig internationale Aufmerksamkeit erlangten. Das 2004 in Paris gegründete Kollektiv – bestehend aus Fulvia Carnevale und James Thornhill – beschäftigt sich mit Fragen von Entfremdung, Identität, Machtstrukturen und gesellschaftlicher Transformation. Der Name «Claire Fontaine», gewählt in Anlehnung an eine französische Schreibwarenmarke sowie an Marcel Duchamps berühmtes Readymade Fountain, verweist auf ihre künstlerische Strategie: Aneignung, Bedeutungsverschiebung und die Infragestellung von Autorschaft bilden das Fundament ihrer Arbeit. Für die Ausstellung in Winterthur verwandelt das Duo die Räume in eine begehbare Landschaft digitaler Zeichen. Im Zentrum stehen leuchtende Emoji-Skulpturen aus der sogenannten «Anti-NFT»-Serie, die während der Corona-Pandemie entstand. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich die fortschreitende Entmaterialisierung sozialer Beziehungen sichtbar machen lässt.
Standardisierte Gefühle
Claire Fontaine bezeichnet Emojis als «Readymade-Emotionen»: vorgefertigte Gefühlszeichen, die Kommunikation vereinfachen sollen – und sie zugleich normieren. Als physische Skulpturen verlieren die Zeichen ihre ursprüngliche Funktion und machen sichtbar, wie selbstverständlich digitale Symbole zu Ausdrucksmitteln unserer Emotionen geworden sind. Die Ausstellung zeigt, wie Kommunikation zunehmend durch Auswahl statt durch sprachliches Aushandeln bestimmt wird und wie dabei individuelle Nuancen verloren gehen. Der Titel «Sugar Free» lässt sich dabei als Metapher lesen: Emojis verkörpern die «süssen» Verführungen digitaler Kommunikation – leicht konsumierbar, emotional wirksam und sozial anschlussfähig. Wie Zucker versprechen sie schnelle Befriedigung ohne nachhaltige Tiefe. «Zuckerfrei» zu leben bedeutet in diesem Sinne, sich der emotionalen Vereinfachung und der ökonomischen Instrumentalisierung von Gefühlen entziehen zu wollen. Claire Fontaine stellt damit eine zentrale Frage unserer Zeit: Wie lässt sich individuelle Ausdruckskraft in einer zunehmend standardisierten digitalen Kommunikationswelt bewahren?

