Die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten zeigt, wie Simon Starling historische Bildwelten in zeitgenössische Reflexionen über Stadt, Natur und Wandel transformiert. Der 1967 in Epsom (UK) geborene Künstler wandte sich wiederholt Meisterwerken der Kunst- und Kulturgeschichte zu: Fiat und Piaggio ebenso wie Tiepolo und eben Adolph Menzel.
Die Sammlung neu gelesen: Simon Starlings künstlerische Dekonstruktion
Ein britischer Künstler im Dialog mit Werken von Adolph Menzel, Caspar Wolf und anderen Künstler:innen aus der Stiftung Oskar Reinhart.
Geschichte als Material — nicht als Monument
Simon Starling gehört zu jenen Künstlern, die Geschichte nicht illustrieren, sondern bearbeiten. Seine Arbeiten sind keine nostalgischen Rückblicke, sondern präzise Eingriffe in kulturelle Überlieferungen. Ausgangspunkt ist häufig ein konkretes Objekt, ein Bild oder ein Ort — doch daraus entstehen komplexe Transformationen, in denen Zeit, Kontext und Bedeutung neu verschoben werden. Im Winterthurer Dialog mit der Sammlung Oskar Reinhart wird besonders deutlich, wie Starling historische Werke nicht kommentiert, sondern in Bewegung versetzt. Er nutzt sie als Rohmaterial für künstlerische Prozesse, die Fragen nach Autorschaft, Erinnerung und kulturellem Erbe aufwerfen. Vergangenheit erscheint hier nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als offenes System, das in der Gegenwart weitergeschrieben wird.
Menzel im Spiegel der Gegenwart
Ein Schlüsselbeispiel ist Starlings Auseinandersetzung mit Adolph Menzel. Ausgangspunkt bildet dessen intime Ölstudie eines Berliner Hinterhofs aus den Jahren 1847/48 — ein unspektakulärer Blick aus einem Fenster, der dennoch ein präzises Zeitdokument urbaner Realität darstellt. Starling übersetzt diese historische Perspektive in eine skulpturale Intervention: Eine Figur des Künstlers, der eine Menzel-Maske trägt und Gipsabgüsse der Hände des beidändig arbeitenden Malers hält. Das Werk oszilliert zwischen Hommage, Aneignung und ironischer Distanz. Wer blickt hier wen an — der Künstler sein Vorbild oder die Gegenwart ihre eigene Vergangenheit? Die Arbeit zeigt exemplarisch, wie Starling kunsthistorische Autoritäten nicht entthront, sondern in ein performatives Verhältnis setzt. Geschichte wird körperlich, beinahe theatralisch erfahrbar.
Landschaft, Klimawandel und die Mobilität der Bilder
Noch deutlicher politisch wird Starlings Installation „One Ton III“. Sie basiert auf einem historischen Fotonegativ des Morteratschgletschers aus dem Jahr 1879, das restauriert, neu produziert und anschliessend mit einem speziell entwickelten Transport- und Präsentationssystem an den ursprünglichen Aufnahmeort zurückgebracht wurde — in eine Landschaft, die sich inzwischen drastisch verändert hat. Hier wird das Bild selbst zum reisenden Körper. Es dokumentiert nicht nur Naturgeschichte, sondern auch deren Verlust. Vergangenheit und Gegenwart fallen auseinander — und genau diese Differenz bildet das eigentliche Thema der Arbeit. Indem Starling historische Darstellungen von Gletschern neben zeitgenössische Installationen stellt, verwandelt sich das Museum in ein Labor für ökologische Erinnerung. Landschaft erscheint nicht mehr als romantisches Motiv, sondern als politisch aufgeladener Raum.
Zwischen Sammlung und Intervention
Die Ausstellung macht deutlich, wie produktiv der Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und historischen Sammlungen sein kann. Statt die alten Meister unangetastet zu präsentieren, werden sie Teil eines lebendigen Diskurses. Starling nutzt die Autorität der Sammlung, um neue Bedeutungsräume zu öffnen — und zugleich die Mechanismen musealer Präsentation sichtbar zu machen. So entsteht kein klassischer Überblick über sein Werk, sondern eine präzise komponierte Begegnung zwischen Jahrhunderten. Von Menzel bis zur Gegenwart spannt sich ein Kontinuum künstlerischer Fragen: Wie wird Realität dargestellt? Wer schreibt Geschichte? Und welche Bilder bleiben bestehen, wenn sich die Welt verändert?
Kunst als Zeitmaschine — ohne Rückfahrkarte
Am Ende zeigt sich Starlings eigentliche Stärke: Er produziert keine Antworten, sondern Denkbewegungen. Seine Arbeiten führen vor Augen, dass kulturelle Überlieferung kein statisches Archiv ist, sondern ein dynamischer Prozess von Übersetzungen, Verlusten und Neubewertungen. Die Ausstellung im Reinhart am Stadtgarten macht dies eindrucksvoll erfahrbar. Sie lädt dazu ein, vertraute Bilder neu zu sehen — und zu erkennen, dass jede Gegenwart ihre eigene Vergangenheit konstruiert.
